Wort
zum Sonntag
Wöchentliche Satire (C)Marvin
C. Stahl
Hallo Allemiteinander!
Anders als bei den Frauen ist das Altern der Männer nicht vorrangig äußerlich. Einem Mann ist es letztendlich egal, ob ein kleines Fältchen hier, ein winziges Fettpölsterchen dort oder die ersten weißen Haare erscheinen. Das gesamte Leben eines Mannes ist, von der Wiege bis zur Bahre, ein bewusstes Durchlaufen von Alterungsschritten. Statt, wie die Frauen, langsam mehr und mehr dahinzuwelken, reifen Männer ganz langsam, wie ein edler Wein. Ein 50jähriger Mann ist sexy, eine gleichaltrige Frau einfach nur 50 Jahre alt und mit mehr oder minder unzähligen kosmetischen, chirurgischen und Bekleidungstricks ausgestattet.
Auch untereinander altern die Geschlechter unterschiedlich. Frauen neiden anderen Frauen jede Woche, was schreib ich... jede sichtbare Stunde, die diese jünger aussehen. Besonders drastisch ist diese Situation, wenn sich beide Frauen schon seit der Schulzeit kennen und bekanntermaßen nur 12 Tage im biologischen Alter differieren. Bei den meisten Männern zählt eigentlich nur ein Merkmal des Alterns, das nach Außen hin nicht sofort sichtbar ist... brauche ich schon Viagra oder nicht? Obwohl Männer mit zunehmendem Alter mehr und mehr das Interesse am aktiven Ausleben ihrer dauererregten Gedankenwelt verlieren, zählt untereinander nur wie lange, wie oft... und dabei wird gelogen, das sich sämtliche Balken der Welt bis zum Erdboden biegen.
Männer leben in Etappen, haben quasi Zielgeraden, dies es zu erreichen gilt. Mit 6 in die Schule, mit 12 in die Oberschule, der erste Kuss, das erste Mal und mit 17 beginnt man an dem Insignium des Erwachsenseins zu arbeiten - dem Führerschein! Was ist ein echter Mann ohne Führerschein? Ein Marvin! Spaß beiseite... der Führerschein, das erste eigene Auto... das ist es! Nie wieder mit der Schülermonatskarte wie jedes Kleinkind mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, 16-/17-jährigen Freunden die Freundinnen ausspannen, aufdringliche Fummeleien auf dem eigenen Rücksitz... yeah! Während der Ausbildungszeit wohnt man aus Kostengründen noch bei Mutti und Papa, aber kaum reicht die Kohle, wird das nächste männliche Ziel angestrebt... die eigene, sturmfreie Bude!
Dort lebt man in einem mehr oder minder großem Chaos, fragt morgens verlegen grinsend nach dem Vornamen der Frau die neben einem im Bett liegt und zuckt ein-/zweimal den Monat zusammen, wenn sich die Mutter per Telefon ankündigt. Diese Phase männlicher Freiheit dauert individuell mehr oder minder lange, mündet aber fast zwangsläufig in einer festen Verbindung in der ein Mann dann seine stammesgeschichtliche Aufgabe erfüllt und seine mehr oder minder wertvollen Gene verbreitet. Mit etwas Glück dauert dieser Zeitraum nur etwa 20 bis 25 Jahre und endet mit einer Alimente freien Scheidung.
Der inzwischen 50-Jähriger beginnt wieder in einem Chaos zu leben und nutzt seine sturmfreie Bude nun, um jederzeit mit seinen Kumpels Bier saufend vor dem Fernseher zu hocken. Wöchentliche Überraschungsbesuche seiner inzwischen über 70-jährigen Mutter hat er nicht mehr zu befürchten - endlich frei! Das letzte Ziel im Leben eines Mannes ist dann nur noch das Erreichen des Rentenalters. Regelmäßige monatliche Einkünfte ohne zu arbeiten, keine nörgelnde Frau an seiner Seite und in der Stammkneipe herumlungern bis man vom Wirt hinauskomplimentiert wird... so sieht das Paradies eines Mannes aus! Dies mag auch der Grund sein, weshalb viele Männer den gewissen Tod gar nicht lustig finden. Wer will solch paradiesische Zustände schon mit dem ewig währenden, Bier losen Harfespiel auf einer uncoolen Wolke eintauschen?
Ich wünsche euch eine entspannte und erfolgreiche Woche!
Amen
Marvin
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