Wort
zum Sonntag
Wöchentliche Satire (C)Marvin
C. Stahl
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Hallo Allemiteinander!
Eine entfernte Bekannte von mir hat wohl das sinnloseste Hobby, das ich mir vorstellen kann... sie ist praktizierende Dauerkranke und Gründungsmitglied der IHO, der Internationalen Hypochonder Organisation! Mit einem lexikalischen Wissen über Krankheitssymptome und Wirksamkeiten von Arzneimitteln ausgestattet, gleitet sie von einer Erkrankung in die nächste. Ihre vier bis fünf wöchentlichen Besuche bei irgendwelchen Ärzten gipfeln stets in detaillierten Selbstdiagnosen ihrer neuesten Krankheitssymptome und dem Diktat der zu verschreibenden Arzneimittel. Ärzte, bei denen sie zum ersten Mal ist, sind stets verblüfft, dass sie keine Kollegin ist.
Den größten Fehler, den ich machen kann, ist in ihrer Gegenwart irgendeine Unpässlichkeit zu erwähnen. Bei ihr artet ein kleiner Schnupfen sofort in eine bisher noch nicht diagnostizierte HIV-Infektion aus und ein kurzes Räuspern oder Husten ist für sie ein sicheres Zeichen eines Lungenkrebses im Sekundärstadium. Wer jetzt denkt, die sicherste Antwort auf ihre Frage "Na, wie geht es dir?" wäre "Prima, ich kann nicht klagen!"... weit gefehlt! Nichts ist ihr so verdächtig, wie absolute Beschwerdefreiheit. In so einem Fall lauern natürlich unzählige, zum Teil unheilbare Krankheiten darauf, in den nächsten Tagen oder Wochen auszubrechen.
Ist diese Bekannte mit ihren Erkrankungen glücklich und zufrieden, steckt eine weitere in einem andauernden Abwehrkampf gegen Krankheiten jeder Art. Liane sieht in jedem Luftzug eine Bedrohung ihrer Gesundheit. So ist es für sie durchaus normal, bereits ab September mit einem Mundschutz herumzulaufen und während der heißen Sommermonate Handschuhe zu tragen. Ihre Handtasche ist stets mit größeren Vorräten an hygienisch verpackten Desinfektionstüchern, Sprühflaschen mit Desinfektionsmittel und unzählige Tablettenröhrchen vollgestopft. Vor langer Zeit war ich mal dumm genug, sie das erste und letzte Mal zu besuchen.
Nachdem sie meine Jacke in eine Plastikhülle verstaut und ich sterile Überzieher über meine Schuhe gezogen hatte, durfte ich auf einem Stuhl Platz nehmen, der mit grünen Papiertüchern abgedeckt war. Leckerer Gesundheitstee wurde in sterilen Plastikbechern serviert und das Bad, nachdem ich es benutzt hatte, gut 30 Minuten lang gereinigt und desinfiziert. Nach dieser Aktion reichte es mir und ich floh aus ihrer Wohnung. Gegen Sauberkeit ist ja nix zu sagen, aber eine Wohnung in der man unbesorgt Herzverpflanzungen vornehmen könnte, sind mir zuwider. Was sagte mein Opa als ich noch Kind war? "Jeden Morgen eine Handvoll Dreck fressen und man bleibt gesund!"
Ich bin das ganze Gegenteil dieser beiden Bemitleidenswerten. Mit einem unnatürlich leistungsfähigen Immunsystem ausgestattet, kann ich meine Kontakte mit Ärzten an beiden Händen abzählen. Indianerpfeile ließ ich stets solange in meiner Schulter stecken, bis diese von allein herausfaulten und Stichwunden behandle ich mit etwas Wodka, einem Tacker und etwas Tesafilm.
Ich wünsche euch eine entspannte und gesunde Woche!
Amen
Marvin
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