Der Alte Fritz - König Friedrich der Große
von Theodor Rehtwisch
"Es ist nicht nötig, dass ich lebe, wohl aber, dass ich meine Pflicht
tue und für das Vaterland kämpfe, um es zu retten, wenn es noch zu
retten ist." Diese Worte, welche König Friedrich der Große in der
schweren Zeit des siebenjährigen Krieges niederschrieb, sind gleichsam
eingegraben in die Erztafeln der vaterländischen Geschichte. Sie sind,
seitdem sie gesprochen worden, förmlich zu einem Bekenntniswort
geworden für jeden Preußen, mehr noch für jeden Deutschen, seitdem das
Königreich Preußen zum Fundament des großes deutschen Vaterlandes
geworden ist. Diese eiserne Mahnung zur Pflicht hat für das große
Deutschland auch gegolten, als es in den Jahren 1870 und 1871 im
blutigen Ringen gegen Frankreich seine Einigkeit und seine Kaiserkrone
sich gewann." Wir glauben daher recht zu tun, wenn wir gerade diese
Worte in ihrer wunderbaren Kürze und Schwere dieser Gedenkschrift zum
zweihundertjährigen Geburtstage des großen Preußenkönigs voranstellen.
Von jeher haben Männer die Geschichte gemacht, und wenngleich eine
fortgesetzte Entwicklung der Völker gern anerkannt werden soll, so
waren es doch immer Männer, die sich zu Führern solcher Entwicklung
aufwarfen oder die über ihre Zeit hinausragend stark genug waren,
solche Entwicklung erst hervorzurufen. Und zu diesen letzteren gehört
König Friedrich II., den sein Volk nach unerhörten Siegen dankbar den
Großen genannt hat.
gewiss, es waren große Männer, bedeutende Fürsten unter seinen Ahnen,
die ihm vorgearbeitet hatten. Der große Kurfürst Friedrich Wilhelm,
sein Urgroßvater, war es, der schon mit zwanzig Jahren die Kurwürde in
Brandenburg und den Herzogshut in Preußen erbte und dann in einer fast
fünfzigjährigen Regierung mit fester Hand den Staat zusammenballte,
der unter seinem Sohn König Friedrich I. zum Königreich Preußen
erhoben werden sollte. Längst nicht alle Wünsche, die Kurfürst
Friedrich Wilhelm hatte und mit Recht haben durfte, waren diesem
großen Manne in Erfüllung gegangen. Als er, der Schwedenbesieger, der
große Feldherr und Staatsmann, sich schließlich von aller Welt
verlassen und um die Früchte seiner Siege in Pommern und Preußen
betrogen sah, da warf er zornig die Feder von sich, mit welcher er
gezwungen nur den Frieden von Saint Germain unterschrieben hatte,
einen Frieden, der ihn um alle Vorteile brachte ? zornig rief er aus
und zugleich prophetisch die Worte: "Exoriare aliquis nostrix ex
ossibus ultor!" "Aus meinen Gebeinen möge mir ein Rächer erstehen!"
Und dieser Rächer, er erstand in seinem Urenkel Friedrich den Großen,
von dem wir hier reden wollen.
Aber auch der Vater Friedrichs, König Friedrich Wilhelm I., war ein
bedeutender Mann, der unermüdlich große Ziele verfolgte. Friedrich
Wilhelm, den die Geschichte den Soldatenkönig nennt, war viel mehr als
das. Wohl war er der Erzieher des preußischen Heeres, aber er war
zugleich der Erzieher des preußischen Volkes, und so hat ein großer
Geschichtsschreiber von ihm gesagt: "Wer Völker nach seinem Ebenbild
formt, der ist ein König, und trüge er auch statt des Szepters einen
Spazierstock."
War der große Kurfürst, dessen reger Geist von keinem Entwurf
stillstand, ward er, der große Staatsmann und Feldherr, nie müde, neu
zu planen, zu rüsten, Bündnisse zu kitten, Verträge zu zerreißen, ja,
selbst in jener frühen Zeit eine Flotte auf das Meer hinaus zusenden,
so war Friedrich Wilhelm, sein Enkel, dagegen ein Mann der Arbeit
innerhalb der Grenzen des ihm überkommenen preußischen Staates. Hatte
der Große Kurfürst das Herzogtum Preußen und das mühsam eroberte
Hinterpommern, die magdeburgschen und clevischen Lande eng
zusammengefasst durch die Macht seines Willens zu einem wehrfähigen
Staate, der in dem halben Jahrhundert seiner Regierung eine große
Bedeutung in Europa gewann, so sah König Friedrich Wilhelm I. seine
Aufgabe in der Kleinarbeit, in der Festigung dieses Staates von innen
heraus , in der Ausbildung und Ergänzung der Armee und in der
Schaffung eines Beamtenheeres, das seine Anordnungen mit der größten
Gewissenhaftigkeit ausführte. König Friedrich Wilhelm, selbst ein
Arbeiter von unglaublichem Fleiße, verlangte von seinen Beamten das
Menschenmögliche. Schlagend und kurz hat der Vater Friedrichs des
Großen seinem Sohne gesagt, wie er seine hohe Aufgabe auffasste, mit
den Worten: "Arbeiten müsst Ihr, so wie ich das beständig getan habe.
Ein Regent, der in der Welt mit Ehren regieren will, muss seine Sachen
alle selber machen, denn die Regenten sind zum Arbeiten geboren und
nicht zum faulen Leben."
Solchem Ahn, solcher Vater, denen beiden das Pflichtgefühl als
höchstes Gebot galt, war König Friedrich zur Nachfolge bestimmt, als
er um die Mittagszeit am Sonntag dem 24. Januar des Jahres 1712 im
Berliner Königsschlosse geboren wurde, als der dritte Sohn des
damaligen Kronprinzen Friedrich Wilhelm und seiner Kronprinzessin
Sophie Dorothee aus dem Kurfürstlichen Hause Hannover. Schon waren den
Eltern zwei Söhne in ganz zarten Alter gestorben, und man kann sich
denken, wie groß die Erregung in Berlin war, als an dem hellen
Wintertage um die Mittagszeit plötzlich die Kanonen gelöst wurden und
ankündeten, dass im Königsschlosse ein Kind das Licht der Welt erblickt
habe. Die guten Berliner haben damals erregt mitgezählt, und als die
Schüsse über den einundzwanzigsten hinausgingen und bis zur Zahl 101
weiter dröhnten, mag manchem getreuen Bürger ein Stein vom Herzen
gefallen sein, denn nun war die Erbfolge im Königshause der
Hohenzollern gesichert, ein junger Prinz war angekommen!
Besonders aber war es König Friedrich I., des Kindes Großvater, den
grenzenlose Freude erfüllte. Mit Sorgen hatte der alternde König das
Sterben seiner zwei ersten Enkel erlebt, und nun durften seine Augen
dennoch den Nachfolger seiner Krone sehen, seine Hände durften ihn
segnen. Und da er ein Pracht liebender Herr war, so wurde bei der Taufe
des Prinzen, die schon am siebenten Zage nach der Geburt, am 31.
Januar, stattfand, die ganze Pracht des preußischen Königshofes
entfaltet. Das Kind in seinem Steckkissen trug er an seiner Seite
schon den schwarzen Adlerorden und ein Krönlein auf dem Haupte. Man
erzählt, dass sechs Gräfinnen die schwere Schleppe seines Taufkleides
trugen, eines Kleides von reichem Silberbrokat, mit Diamanten besetzt.
Der königliche Großvater selbst hielt den kleinen Prinzen über die
Taufe. Alle Glocken von Berlin jubelten über der Stadt, und
Kanonendonner mischte sich dazwischen. So wurde dieser junge Prinz in
Pracht und Prunk getauft, der später als König im schlichten,
abgetragenen Uniformrock, im alten, weich gedrückten Dreimaster und den
bequemen Lederstiefeln, die er nur ungern zu wechseln liebte, den
Krückstock in der Hand, seine schwere Königspflicht tagein tagaus zu
tun berufen war.
Nur ein Jahr lang noch überlebte König Friedrich die Geburt seines
Enkels. Im Februar 1713 starb der erste preußische König, und sein
Sohn Friedrich Wilhelm I. bestieg den Thron. Damit kam ein ganz
anderes Regiment in Preußen hinein. Mit schuldiger Ehrfurcht, mit
königlichem Pomp, wie der Tote ihn geliebt hatte, bestattete Friedrich
Wilhelm seinen Vater; aber dann ging eine große Veränderung des
Hofhaltes vor sich. "Wozu", dachte Friedrich Wilhelm, "dies große Heer
von Müßiggängern?" ? Er setzte sich selbst über die Hofhaltungsliste
und strich und strich und brachte es fertig, mit seinen praktischen
Strichen die Hofhalten von 276 000 Talern auf den fünften Teil, auf 55
000 Taler herabzusetzen. Sparsamkeit und unermüdliche Arbeit waren die
unabänderlichen Grundsätze dieses Königs. "Parole auf dieser Welt,"
schrieb er einst an den Fürsten Leopold von Anhalt Dessau, seinen
Vertrauten, "ist nichts als Unruhe und Arbeit, und wo man nicht selbst
die Nase in jeden Dreck steckt, so geht die Sache nicht, wie sie gehen
soll." Seine prächtige, immer tätige Natur konnte keinen Müßiggänger
leiden. Es ist wohl vorgekommen, dass das spanische Rohr des Königs
irgendeinen Faulpelz unsanft berührte mit den Worten: "Scher' er sich
heim und tu' er was!" ? Wer ein Amt hatte, sollte arbeiten, und zwar
für das Gehalt, das er bezog, möglichst viel, möglichst schnell, ohne
Zögern, ohne Aufschub.
Wie dieser König für sich keine Schonung kannte, denn von der frühen
Morgenstunde an saß er an seinem einfachen Schreibtisch, und ein
Geschäft jagte in seinem Tageslauf das andere, so kannte er solche
Schonung auch nicht für seine Leute. Das eigenhändige königliche "cito
citissimo", "schnell, schnellstens" auf den Akten war ein allseitig
gefürchteter Vermerk. Dies Aufpassen Königlicher Majestät ließ die
Beamten nicht zur Ruhe kommen, und so entstand eine musterhafte
Verwaltung im Einzelnen. Jeder Beamte musste auf seinem Posten sein,
Tag und Nacht, wenn es galt. Als einmal einer der Herren gegen seine
Versetzung Einspruch erhob, beschied ihn Friedrich Wilhelm kurz: "Man
muss dem Herrn mit Leib und Leben, mit Hab' und Gut, mit Ehre und
Gewissen dienen, und alles daran setzen an die Seligkeit, aber alles
Andere, das muss mein sein." So übersetzte der König auf seine Weise
das Bibelwort: "Gebet dem König, was des Königs ist, und Gott, was
Gottes ist." Durch das ganze Land schallte sozusagen befehlende und
allenthalben deutlich vernehmbar die weinerliche, metallhelle,
durchdringende Stimme dieses Monarchen, der mit Recht als der große
Volkswirt und Volkserzieher, der größte seines Jahrhunderts, gepriesen
wird.
Geordnete Finanzen und ein schlagfertige Heer, diese beiden Dinge
galten für König Friedrich Wilhelm I. als die Hauptstützen seines
preußischen Staates, wie sie auch heute noch nach 200 Jahren das für
jeden Staat sind und sein müssen. Für das damalige Preußen doppelt und
dreifach. Denn lang hingestreckt zog sich der preußische Staatskörper
vom Rhein bis an das Kurische Haff, ein Land mit sehr unsicheren
Grenzen, das eines starken, wohl geschulten Heeres bedurfte, wie kein
anderes. Des Königs Gehilfe in seinem Soldatenhandwerk war der Fürst
Leopold von Dessau, der in der Geschichte den Namen "Der alte
Dessauer" erhalten hat. Er war der Erfinder des eisernen Ladestockes,
der sehr bald in den preußischen Kriegen eine wichtige Rolle spielen
sollte gegenüber dem hölzernen, der bei den anderen Heeren noch in
Gebrauch war. Fürst Leopold von Dessau war der Schulmeister des
preußischen Heeres. Er erfand den Paradeschritt, er sorgt für eine
fast übermenschliche Präzision im Exerzieren, Chargieren, feuern, in
allen Waffenübungen, die zum Soldatendienst gehörten, und das
preußische Heer dankte es dem König und dem Dessauer, dass es bald für
das Musterheer in Europa galt; und die Grundlagen, welche jene beiden
Männer für die Ausbildung des Heeres geschaffen haben ? sie gelten
heute noch.
König Friedrich Wilhelm I. war ein Mann von rein deutscher Gesinnung.
Er war in seinen jüngeren Jahren ein schöner, stattlich gebauter Mann
mit wohl gefügten Gliedern und sehr feinen, wohl gepflegten Händen, die
aber zugreifen und festzuhalten verstanden. Er trug eine schöne, freie
Stirn, ein kluges, graues Auge. Zwar zeigte sich schon in frühen
Jahren eine Neigung zur Wohlbeleibtheit, was aber seinen Grund mit
darin haben mochte, dass der König ein sehr starker Esser war.
Allerdings machte er an die Küche wenig Ansprüche. Von der
französischen Küche wollte er überhaupt nicht viel wissen; er hielt
sich an Pökelfleisch, Erbsen, Sauerkohl, Speck und Bohnen. Wenn es
möglich war, ließ er seinen Mittagstisch im Freien unter einem
schattigen Baum decken. Der König liebte frische Luft, frisches
Wasser, badete, wo er nur konnte, manchmal vier bis fünf Mal am tage.
Einen schlimmen Hass hatte er Polstermöbel, Teppiche, Portieren und
Staubfänger dieser Art. Sein Arbeitssitz war ein Holzschemel und ein
einfach gezimmerter Tisch. Die Jagd war seine Erholung, und wenn es
nichts zu jagen gab, so sammelte er seine Generale, Minister,
Gesandten um sich, und so entstand das Tabakskollegium, das
geschichtlich berühmt geworden ist.
Der König saß dann mit seinen Gästen um einen einfachen Tisch, jeder
mit einem Krug Ducksteiner Bier vor sich und eine Tonpfeife mit
holländischem Tabak. König Friedrich Wilhelm liebte das Rauchen und
hat es eigentlich hoffähig gemacht. Auf einem Anrichtetisch stand ein
Topf mit Butter, Brot, Schinken, Braten, Käse, wovon sich jeder nach
Belieben nehmen konnte. Es musste sich jeder selbst bedienen. In jenen
Abendstunden beim Flackern der Kerzen und beim gemütlichen Trunk legte
Friedrich Wilhelm den Herrscher ganz ab. Er war dann Freund unter
Freunden, vertraulich und offen sprach er über seine Absichten und
Pläne. Schnurren und Späße sehr derber Art brachten Abwechslung in
diese Abende. Aber mochte diese soldatische Geselligkeit auch derb
sein, sie war noch viel harmloser als die kostspieligen und
liederlichen Zerstreuungen, wie sie damals an anderen deutschen
Fürstenhöfen Sitte waren, denn König Friedrich Wilhelm dachte in
sittlicher Beziehung sehr streng. Als er einst eine Einladung an den
üppigen sächsischen Königshof gefolgt war, schrieb er an Leopold von
Dessau: "Ist gewiss nit christlich Leben hier, aber Gott ist mein
Zeuge, dass ich kein Plaisir daran gefunden und noch so rein bin, als
ich von Hause hergekommen und mit Gottes Hilfe beharren werde bis an
mein Lebensende."
Der König war auch ein aufrichtiger gläubiger Mann und sich wohl
bewusst, dass er dem höchsten Gott für sein Handeln Rechenschaft
schuldig sei, und nicht nur für sich, sondern auch für seine Familie
und sein Volk. Er fühlte sich in dieser Eigenschaft als unbeschränkter
Heer im Lande, und da er es gut meinte mit seinem Volk und den
Seinigen, so sollte auch unbedingt und ohne Widerrede das gelten, was
er befahl. Stieß er auf Widerspruch, so wurde seine Strenge oft zur
Härte und sein Jähzorn lohte fürchterlich auf. Dieser Jähzorn war ein
Tropfen in seinem Blut, für den der König selbst nicht konnte. Stand
in solchen Augenblicken jemand vor ihm, der seine Frömmigkeit anrief,
so wurde Friedrich Wilhelm weich wie Wachs, und man hat den König in
solchen Stunden reuevoll bitterlich weinen sehen. Im übrigens war aber
Friedrich Wilhelm ein im Sinne des Wortes guter Mann, der nur das
Beste wollte und sann, in dessen Seele kein Arg wohnte. So war
Friedrichs Vater.
Wo es nun anging, der rasenden Zeit einige Minuten abzugewinnen,
pflegte der König gern mit seinen Kindern zu spielen. Viel wird das
nicht vorgekommen sein, aber es kam doch vor. "Sieht Er wohl, mein
lieber Forcade," sagte der König einst zu diesem General, als derselbe
ins Zimmer trat, "sieht Er wohl! Er ist selbst Vater und weiß es auch:
Väter müssen mit ihren Kindern zuweilen Kinder sein, müssen mit ihnen
spielen und ihnen die Zeit vertreiben." ? Bis zu seinem siebenten
Jahre war Kronprinz Friedrich in Frauenhänden. Die Oberhofmeisterin
Frau von Kamecke hatte die Oberaufsicht, und eine alte Französin, die
verwitwete Frau des Obersten Rocoulles, war die Gouvernante des
kleinen Fritz. So erlernte er schon in seiner Kinderstube die
französische Sprache, die er so lieb gewann, dass er ihr dauernd treu
blieb.
Wir erblicken des Königs Gesinnung schon in den ersten
Erziehungsregeln, die er für seinen Sohn gab. Wohl verlangte er von
dem Prinzen Respekt und wahre Unterwürfigkeit gegen Vater und Mutter,
aber diese sollte ehrlich sein und niemals sklavisch und knechtisch.
Ausdrücklich befahl der König, dass man dem jungen Prinzen niemals mit
seinem Vater drohe, sondern nur mit seiner Mutter. Mit Strenge verbot
der König es, seinem Sohne zu schmeicheln, denn nichts sei Fürsten
schädlicher als Schmeichelei. Vor allen Dingen aber hielt der König
darauf und wies den Erzieher an, dem Kronprinzen die wahre Liebe zum
Soldatenstande einzuprägen und ihm darzulegen, "dass gleichwie nichts
in der Welt, was einem Prinzen Ruhm und Ehre zu geben vermag, der
Degen sei, und von der Welt ein verachteter Mensch sein würde, wenn er
solchen nicht gleichfalls liebte und die einzige Glorie in demselben
suchte." ?
Als der junge Friedrich die Erziehung der Frauen entwachsen war, gab
Friedrich Wilhelm ihm zwei militärische Erzieher in der Person des
Generalleutnants Graf Finckenstein und den Obersten von Kalkstein. Der
Erstere war der Oberhofmeister, der zweite der Untergouverneur. Ihnen
gesellte sich als Lehrer ein Franzose mit Namen Duhan de Jandrun. Für
den Gang der Erziehung entwarf der König einen genauen Plan. Liebe zu
Soldatenstand, Frömmigkeit des Herzens, Liebe und Furcht zu Gott,
waren die Hauptgrundzüge; und dann kam das wissenschaftliche Gebiet.
Das Latein verbot der König, so sehr der Prinz sich auch danach
sehnte, diese Sprache zu erlernen. Als es dennoch später insgeheim
versucht wurde, jagte der König mit erhobenem Krückstock den
lateinischen Präzeptor davon. Dagegen sollte das Deutsche und
Französische so gelehrt werden, dass der Kronprinz sich darin mündlich
und schriftlich gut und kurz ausdrücken könne. Mehr Gewicht legte
Friedrich Wilhelm schon auf die Rechenkunst, die Mathematik und
Staatswirtschaft, sowie auf artilleristische Kenntnisse. Letztere aus
dem Fundament. Besonders Wert legte Friedrich Wilhelm auf die
Erlernung der Geschichten der letzten 150 Jahre. Die Regeln, die der
sorgsame König für die Erziehung seines Sohnes gab, waren jedenfalls
überaus praktisch, wenngleich sie natürlich hinter dem, was heute von
einer Prinzenerziehung verlangt wird, wesentlich zurückblieben.
An den Arbeitsplan des jungen Prinzen schloss sich eine genaue
Einteilung der Wochentage. Wenigstens liegt eine solche vor für einen
Aufenthalt, der im Frühherbst des Jahres 1721 im Jagdschloss
Wusterhausen stattfand. Vom Sonntag bis zum Sonnabend wird die Woche
genau eingeteilt. Des Morgens soll der Prinz in Gegenwart des
Erziehers und der Bedienten ein Morgengebet und das Vaterunser
sprechen. Er soll laut und deutlich beten und darf kein Wort
vergessen. Alsdann soll er sich hurtig anziehen, sich sauber waschen,
und nur eine Viertelstunde Zeit lässt die väterliche Vorschrift für
dies Geschäft, zu dem auch noch das Schwänzen (Zopfdrehen), das Pudern
usw., gehört. Selbst mit dem ersten Frühstück soll der Prinz in dieser
Viertelstunde fertig sein. Alsdann soll die gesamte Dienerschaft sich
in des Prinzen Zimmer versammeln, und nun soll das große Gebet und die
Andacht abgehalten werden, zu welcher ein Lied gesungen werden soll.
An Sonntagen will der König alsdann seinen Sohn mit zur Kirche nehmen
und mit ihm zum Mittag essen Punkt 12 Uhr.
Der Rest des Tages soll für Spiele und Bewegung im Freien, Reiten oder
was sonst ist, dem Prinzen gehören. Um ½11 Uhr muss der Prinz nach
einer Abendandacht im Bette liegen. Dies ist der Sonntag. An den
Wochentagen muss der Prinz schon eine Stunde früher, nämlich um 6 Uhr
aufstehen und zwar ist nach des Königs Vorschrift "darauf zu halten,
dass er ohne sich zu ruhen und nochmals umzudrehen, hurtig und sofort
aufstehe." Gebet, Andacht, morgens sowohl wie abends, bleiben
dieselben wie am Sonntag. Dann geht es ans Lernen. Von 7 bis 9 Uhr
wird Geschichte gelehrt. Von 9 bis 11 Uhr Religion. Dann einige
Stunden beim Vater und gemeinsames Mittagessen. Punkt 2 Uhr
nachmittags setzt der Unterricht wieder ein. Zunächst Geographie und
Unterweisung auf der Landkarte, wobei dem Zögling die Macht und
Schwäche, die Größe, der Reichtum, die Armut, der verschiedenen Länder
und Staaten klarzumachen ist. Dann folgte Unterricht in der Moral und
dann werden deutsche Briefe geschrieben, wobei der Lehrer Duhan
besonders darauf achten soll, dass der Prinz einen guten Stil bekomme.
Um 5 Uhr wird der Unterricht geschlossen und der Prinz darf alsdann,
nachdem er sich die Hände gehörig gewaschen hat, seinen Vater
begrüßen, dann ausreiten, sich aber immer in der frischen Luft und nie
im Zimmer aufhalten. Er darf dann tun, was er will, mit der
Einschränkung: "wenn es nur nicht gegen Gott ist." ? So ist der
Arbeitsplan, die Unterrichtszeit und alles, was zur Erziehung gehört,
vom Könige wohlweislich eingeteilt und bis auf die Minute festgelegt.
Besonders ermahnt der König die Erzieher noch, dass man den Prinzen
dazu anhalten solle, "dass er hurtig aus und in die Kleider komme, sich
selbst aus- und anziehen lerne, dass er sich propre (richtig) wasche
und reinlich werde und niemals schmutzig sei."
So sorgfältig wie die Erziehung überwachte der König auch die
Haushaltung seines jungen Prinzen. Um jene Zeit erhielt der Kronprinz
jährlich 360 Taler, nach unserem Gelde also etwa 1200 Mark, um seine
Ausgaben zu bestreiten, aber jeden Groschen wünschte der König genau
aufgeschrieben zu sehen und diese Rechnung musste der König am Schlusse
jedes Monats pünktlich vorgelegt werden. Da finden wir in solcher
Monatsrechnung folgende Angaben: Bor zwei Farbenschachteln.... 16
Groschen. ? Bor sechs Pfund Puder (für den Zopf) ....12 Groschen. ?
Bor Stiblettenknöpfe ..... 2 Groschen. ? Bor 12 Ellen Zopfhand.... 1
Taler und 6 Groschen. ? Bor Schnur zur Peitsche.... 4 Groschen. ? Bor
die Königlichen Knechte zu Bier ..... 4 Groschen. ? Bor ein
Rotkehlchen .... 4 Groschen. ? Bor die Schuh auf Leisten zu
schlagen..... 1 Groschen. ? Unter dieser Rechnung steht von des Königs
eigener Hand bemerkt: "Wann meine Lakaien, Kutscher und Knechte
aufwarten, so sollen sie nichts davor bekommen, denn ich sie davor
bezahle. Denn Fritz und ich ist einerlei; sonst bin ich mit der guten
Haushaltung sehr zufrieden."
So tat der König Friedrich Wilhelm alles, um seinen Prinzen zu einem
Könige zu erziehen, wie er selbst einer war, zu einem arbeitsamen,
tüchtigen Manne, wohl unterrichtet in allen praktischen Dingen des
Lebens und stramm als Soldat. In der Tat zeigte der Prinz um jene Zeit
auch das natürliche Interesse eines Knaben am Soldatenspielen, und
wenn der König ab und zu aufbrauste und über mangelnde Propretät
(Sauberkeit) im Anzug zornig ward, so ging es doch im großen und
ganzen gut. Mancher allerdings war in der Umgebung des königlichen
Hofes, dem die Erziehung des Kronprinzen allzu straff schien. Graf
Seckendorf, der Gesandte des Wiener Kaiserhofes, welcher eine
besondere Vertrauensstellung zu König Friedrich Wilhelm hatte, meinte
zweifelnd: "Ob der König schon den Prinzen herzlich liebt, so ermüdet
er ihn dennoch mit Frühaufstehen und Strapazen den ganzen Tag
dergestalt, dass er bei seinen jungen Jahren so ältlich und steif
aussieht, als ob er schon viele Feldzüge mitgemacht hätte."
Aber dann, als gewisse Neigungen des jungen Friedrich gar zu sehr von
den Grundsätzen des Vaters abwichen, kam es zu einem schlimmen
Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn. Der Prinz zeigte lebhafte
Hinneigung zu französischen Büchern. Er liebte es, sein Haar nach der
Mode der Franzosen zu frisieren, trug, wenn der Waffendienst ihm Muße
ließ, französische Kleider, Schlafröcke aus blauem Samt und
dergleichen und liebte das Flötenspiel, da ihm eine große musikalische
Begabung angeboren war. Von alledem wollte der König nichts wissen.
Friedrich Wilhelm fühlte sich durch und durch als deutscher Fürst und
hasste alle französischen Sitten, gewiss mit guten Grunde, denn es ging
an den Höfen Deutschlands, wo man dem französischen Wesen Tür und Tor
öffnete, schlimm genug zu. So kann man es nur begreifen, das Friedrich
Wilhelm seinen jungen Sohn mit Gewalt davon abhalten wollte, jenem
französischen, von ihm als schlaff und bequem gefürchteten, Wesen sich
hinzugeben. Es ist kein Zweifel, das Kronprinz Friedrich, je älter er
wurde, desto mehr gerade an geistiger Beschäftigung, an der Musik, an
geistreicher Unterhaltung seine Lust fand und den militärischen
Neigungen seines Vaters gegenüber Gleichgültigkeit, ja sogar Abneigung
bezeigte.
Die körperlichen Übungen, Reiten, Schießen, Jagen vernachlässigte er
gegenüber dem Lesen französischer Werke, dem geliebten Flötenspiel und
anderen Zerstreuungen. Man klagte dem Könige gegenüber auch, dass
Friedrich nicht die religiöse Gesinnung zeigte, die sein Vater ihm
durch die vielen Religionsübungen, die er angeordnet hatte,
einzuflößen gedachte. Je mehr sich Friedrich dem Vater entfremdete,
desto mehr nahm sich seine Mutter Sophie Dorothee seiner an. Sie hatte
als die Tochter des Kurfürsten von Hannover eine sehr gute
französische Bildung genossen (die Bildung der höher stehenden Kreise
und besonders der Höfe war damals allgemein französisch) und fühlte
sich selbst an dem soldatisch einfachen preußischen Hofe nicht
besonders glücklich. Zwar liebte König Friedrich Wilhelm seine Sophie,
die er im Familienkreise sein "Fiechen" zu nennen pflegte, von ganzem
Herzen. Aber um so bitterer mochte der heißblütige Mann es empfinden,
dass die Mutter seiner Kinder sich in Erziehungsfragen nur zu häufig
auf die Seite ihres Sohnes stellte.
Bald spielte auch eine Heiratsgeschichte hinein. Der Bruder der
Königin, König Georg II. von England, hatte ziemlich gleichaltrige
Kinder wie seine Schwester, und nun wünschte die Königin von Herzen,
dass die preußischen Königskinder sich mit dem Prinzen und der
Prinzessin von England, diesem reichen und mächtigen Staate,
wechselseitig verheiraten möchten. Auf der anderen Seite wollte der
König seine Zustimmung nicht geben, und es waren hier der
österreichische Graf Seckendorf und der erste Minister des Königs,
General von Grumbkow, welche Friedrich Wilhelm von dieser englischen
Heirat abrieten. Denn der österreichische Kaiserhof wünschte eine
solche Verbindung aus politischen Gründen nicht. Natürlich waren auch
schlechte Menschen genug da, welche manche leichtsinnig gesprochenen
Worte des Kronprinzen auffingen und dem Vater hinterbrachten. Solche
widerwärtige Gebärdenspäher und Geschichtsträger trugen natürlich
durch ihre Maulwurfsarbeit viel dazu bei, das Verhältnis zwischen
Vater und Sohn vollends zu untergraben.
"Man kann sich kaum einen Begriff von den niederträchtigen Streichen
machen," schrieb in jener Zeit der englische Gesandte, "deren man sich
bedient, um den Vater gegen den Sohn aufzubringen." Ja es kam so weit,
dass sich Vater und Sohn möglichst aus dem Wege gingen, dass sie, im
Jagdschloss Wusterhausen unter einem Dache lebend, nur noch brieflich
miteinander verkehrten, um Zusammenstöße zu vermeiden. In jener Zeit
redete man Friedrich zu, seinem Vater einen Brief zu schreiben, in
welchem er um Verzeihung bitten solle. Der Prinz verstand sich dazu
und schrieb einen solchen Brief, den er mit den Worten schloss: "Hätte
ich wider meinen Willen und Wissen getan, was meinen Lieben Papa den
grausamen Hass, den ich aus all seinem Tun genug habe wahrnehmen
können, werde fahren lassen." Aber der Vater zürnte und es mochte auch
der Brief des Sohnes doch nicht den rechten Ton der Demut und Beugung
vor dem väterlichen Willen getroffen haben.
Hier ist die Antwort Friedrich Wilhelms an seinen Prinzen, die uns ein
Bild gibt, welche Klagen über seinen Prinzen der König hatte und wie
schwer erzürnt er war. "Sein eigensinniger böser Kopf," heißt es da,
"der nicht seinen Vater liebet, denn wenn man alles tut, was der Vater
will und seinen Vater liebet, so tut man, was er haben will, nicht
wenn er dabei steht, sondern dann, wenn er nicht alles sieht. Zum
andern aber weiß Er wohl, dass ich keinen schlaffen Kerl leiden kann,
der sich schämt, nicht reiten noch schießen kann und dabei malpropre
an seinem Leibe ist, seine Haare wie ein Narr sich frisiert und nicht
verschneidet, obgleich Ich das alles tausendmal befohlen, aber es ist
alles umsonst und in nichts Besserung. Zum andern ist Er hoffärtig,
recht bauernstolz, der mit keinem Menschen spricht als mit Welschen
(Franzosen) und mit dem Gesichte Grimassen schneidet, als wenn er ein
Narr wäre, und in Nichts Meinen Wille tut, als wozu Er mit Strenge
angehalten wird, aber nichts aus Liebe und der zu allem nicht Lust
hat, als seinen eigenen Kopf zu folgen, so dass alles nichts nutze ist.
Dieses ist die Antwort." Gewiss einbitterer, strenger Brief. Aber man
darf nicht vergessen, dass Friedrich Wilhelm es gut und väterlich
meinte. So hoch stand dem Könige die Pflicht, seinen Prinzen so zu
erziehen, wie es Staat und Heer verlangte, dass sie ihm unabweisbar
schien.
Und wieder begegnen wir tiefen Zügen väterliche Liebe. Da ist eine
Briefstelle an den Fürsten von Dessau, in der es heißt: "Mein ältester
Sohn ist sehr krank. Es ist wie eine Auszehrung. Sie können sich
denken, wie Mir zu Mute ist. So lange die Kinder gesund sind, weiß man
nicht, dass man sie lieb hat." ? Ein andermal musste der Prinz dem
Könige gestehen, dass er eine Schuldensumme von 7 000 Talern habe. Wohl
mochte dem sparsamen Vater die Bezahlung einer solchen Summe sehr
schwer werden. Aber der König bezahlte sie stillschweigend. "An dem
Gelde," erklärte er, "sei ihm ein Dreck gelegen, wofern der Prinz nur
seine Aufführung ändern wolle und ein ehrliches Herz zeigen. Sobald er
dem Könige ein Wort sage, solle es ihm an Geld nie fehlen." ? Bei
einer Festtafel in Wusterhausen kam es einst zu einer schönen
Versöhnungsszene. Der Prinz fiel bewegt seinem Vater zu Füßen, ergriff
die Hand des Königs und küsste sie heftig. Friedrich Wilhelm war tief
ergriffen. "Schon gut, schon gut," sagte er, "werde nur ein ehrlicher
Kerl." Und selten hat man den König so froh und erleichtert gesehen
wie an jenem Abend im Tabakskollegium.
Leider hielt die Versöhnung nicht lange vor. Und als Kronprinz
Friedrich älter wurde, kam es zu immer stürmischeren Szenen zwischen
Vater und Sohn. Der Jähzorn König Friedrich Wilhelms stieg oft so
hoch, dass er seinen Prinzen körperlich misshandelte. Bei einem
Manöverversuche am sächsischen Königshofe kam es wieder zu einem
schweren Konflikt. In jenem Lustlager von Mühlberg," sagt der große
Geschichtsschreiber Leopold von ranke, " wo die Augen so vieler
Fremden sich auf ihn richteten, ward der Kronprinz wie ein
ungehorsamer Knabe sogar einmal körperlich misshandelt, eben damit er
fühlen solle, dass man ihn für nichts Besseres halte. Der aufgebrachte
König, der die Folgen seiner Worte niemals erwog, fügte der
Misshandlung noch den Schimpf hinzu. Er sagte: "Wäre er von seinem Vater
so behandelt worden, so hätte er sich totgeschossen, aber Friedrich
habe keine Ehre, er lasse sich alles gefallen." ? Diese väterliche
Zornestat schlug dem Fass den Boden aus. Von jenem Augenblicke an trug
sich der Kronprinz ernstlich mit Fluchtgedanken, die er allerdings
schon früher gehegt hatte. Der Kronprinz verabredete sich mit einigen
seiner Freunde, dem Leutnant von Katte von den königlichen Gendarmen
und den Brüdern Keith ? der eine war Page, der andere Leutnant in
Wesel ? zur Flucht.
Auf einer Reise nach Süddeutschland, die der König Mitte Juni 1730
antrat, und auf welcher der Kronprinz, ihn begleiten sollte, wollen
die jungen Leute die Flucht zur Ausführung bringen. Im Dorfe
Steinsfurth, nahe Mannheim, übernachtete die Reisegesellschaft in zwei
Scheunen, da Friedrich Wilhelm gerade solche einfach soldatischen
Reisequartiere liebten. Unterwegs, schon in Stuttgart, hatte sich
Friedrich bei günstiger Gelegenheit einen roten Reiserock arbeiten
lassen. Dieser zog er in jener Nacht an, nachdem er sich früh zwischen
2 und 3 Uhr von seinem Lager erhoben hatte, während der Page Keith die
Pferde herbeischaffen sollte. Der Prinz gedachte über den Rhein nach
Frankreich zu fliehen und dort Zuflucht zu suchen. Indessen hatte der
Oberstleutnant von Rochow, des Prinzen militärischer Begleiter, dem
Kammerdiener Gummersbach dringend empfohlen, auf seine Königliche
Hoheit wachsam zu sein. Der Kammerdiener fragte den Prinzen, was er
vorhabe. "Ich will aufstehen," sagte Friedrich, "was geht es Dich an."
Der besorgte Mann schickt einen Jäger zu dem Oberstleutnant und bald
ist Rochow, der Tag und Nacht aus den Kleidern nicht herauskommt, zur
Stelle. Auch andere Generale kommen hinzu. Die Flucht wird vereitelt.
Zwar schweigen die Herren dem Könige gegenüber, aber nach einem
Kirchenbesuch in Mannheim wirft sich der Page Keith in tiefer Reue dem
König zu Füßen und gesteht alles. Des Königs Zorn ist furchtbar. Er
lässt den Prinzen unter scharfer Bewachung den Rhein hinunter bringen
nach Wesel und hier kommt es zu einer Szene zwischen Vater und Sohn,
die so bedrohlich wird, dass sich der alte Generalmajor von Mosel, der
Kommandant der Festung Wesel, zwischen die beiden wirft. Der Leutnant
Keith ist aus Wesel flüchtig geworden und nicht mehr einzufangen. Der
Leutnant von Katte wird in Berlin stracks verhaftet. Und nun wird
Kronprinz Friedrich wie ein hoher Staatsverbrecher gefährlichster Art
quer durch Deutschland nach Küstrin gebracht. Der königliche Vater
leidet unendlich. Er glaubt sich von aller Welt verraten, von Ränken
und Komplotten umsponnen. Er glaubt, dass England und Frankreich mit
dem Prinzen gegen ihn im Bunde seien, und doch ist das Ganze
schließlich nichts weiter, als ein unüberlegter Jugendstreich eines
schwer gekränkten jungen Prinzen, der die väterliche Behandlung nicht
mehr ertragen zu können glaubte.
In Küstrin war der Kronprinz nichts als "der Arrestant Friedrich".
Sein Degen, sein Portepee waren ihm genommen, die Uniform musste er
ausziehen. Der Kommandant von Küstrin, General von Lepel, bekam
strenge Befehle vom König, wie die Haft eingerichtet werden solle. Die
feste Tür des Gefangenenzimmers wurde noch besonders mit schweren
Schlössern und Riegeln versehen. Ein Doppelposten stand an der Tür,
Gewehr bei Fuß. Der wachhabende Offizier befand sich im Vorzimmer.
Wenn dem Prinzen morgens das Waschwasser gereicht wurde, mussten zwei
Offiziere zugegen sein. Ebenso mittags beim Essen, welches der Prinz
geschnitten empfing, ohne Messer und Gabel, nur mit einem Löffel
dabei. Ein Kalfaktor von der Wache besorgte die Aufwartung. Waren die
Mahlzeiten beendet, so durfte niemand länger im Zimmer weilen als vier
Minuten. Keine Frage des Prinzen durfte beantwortet werden.
König Friedrich Wilhelm selbst ordnete die Fragestellung bei der
Untersuchung gegen den Kronprinzen und seiner Helfer ausführlich an.
In dem Protokoll, welches der König beantwortet zu haben wünschte,
standen 185 Fragen. In Küstrin trat die Kommission zusammen, vor
welcher sich der Prinz zu verantworten hatte. Seine Haltung, so wird
uns von Zeitgenossen berichtet, war bewundernswert, seine
Geistesgegenwart unübertroffen. Der König wollte durch die
Fragestellung aus dem "bösen Friedrich" jedes kleinste Geheimnis
herausholen. Aber mit freier Stirn und kluger Antwort stand dieser
achtzehnjährige Prinz vor den gereiften Männern, kein Wort zu viel,
keins zu wenig kam über seine Lippen. Am Schlusse nach dieser
ermüdenden Verhör kamen die Hauptfragen. "Was er wohl verdiene und
welch einer Strafe er gewärtig sei?" Worauf der Prinz: "ich unterwerfe
mich der Gnade und dem Willen des Königs." ? "Was denn ein Mensch
verdiene, der seine Ehre breche und Komplotte zur Desertion macht?"
Der Prinz: "ich glaube nicht, gegen meine Ehre gehandelt zu haben." ?
"Ob er verdiene, Landesherr zu werden?" Der Prinz: "Ich kann mein
eigener Richter nicht sein." ? "Ob er sein Leben wolle geschenkt haben
oder nicht?" Der Prinz: "Ich unterwerfe mich des Königs Gnade und
Willen." Und dann kam ein herzergreifendes Wort von den jungen Lippen:
"Es sei," sagte Kronprinz Friedrich, "ein großer Fehler von ihm, den
er begangen, dass er keine Geduld gehabt habe, aber man müsse doch das
seiner Jugend mit zuschreiben."
Indes der König zürnte schwer. Er setzte ein Kriegsgericht ein über
die Schuldigen. Das Kriegsgericht trat in dem alten, grauen Schlosse
zu Köpenick zusammen. Drei Generalleutnants, drei Obersten, drei
Oberstleutnants, drei Majors und drei Kapitäne unter dem Vorsitze des
alten frommen Generals Achaz von der Schulenburg. Das Kriegsgericht
lehnte einstimmig jeden Eingriff in die königliche Gewalt und jedes
Gericht über den Kronprinzen und zukünftigen Landesherrn ab. "Es
käme," erklärten die Richter, "Untertanen nicht zu , über den Sohn
ihres Königs zu richten." Dagegen wurde über die Mitwisser und
Genossen gerechter Spruch gefällt. Der aus Wesel entflohene Leutnant
von Keith wurde wegen vollendeter Desertion zum Galgen verurteilt und,
da er selbst nicht zu haben war, im Bilde zu Wesel gehängt. Zwei
andere Leutnants, die in irgend einer Weise verwickelt waren, wurden
kassiert und mit Festung bestraft. Den Leutnant von Katte verurteilte
die Hälfte der Richter zum Tode durch das Schwert, die andere Hälfte
zu lebenslänglichem Gefängnis. Das mildere Urteil galt. Es wurde dem
König eingereicht. Aber Friedrich Wilhelm sandte zornig die Akten
zurück und befahl ein anderes Urteil über Katte. "Sie sollen Recht
sprechen," ließ er den Richtern sagen, "und nicht mit dem Flederwisch
darüber gehen." Und hier erhalten wir ein schönes Bild von jenen alten
ehrenhaften Männern altpreußischer Schule. Sie saßen zum zweiten Male
zu Gericht und ihr Spruch blieb derselbe. Der alte General Achaz von
der Schulenburg schrieb an den Rand der königlichen Kabinettsorder das
Bibelwort aus den Büchern der Chronika: "Gehet zu, was Ihr tut, denn
Ihr haltet das Gericht nicht den Menschen, sondern dem Herrn."
Aber König Friedrich Wilhelms Ansicht war der seines Generals
entgegen. Er hielt das Verbrechen Kattes für ein Majestätsverbrechen
und verurteilte ihn aus königlichen Recht zum Tode durch das Schwert.
"Wenn das Kriegsgericht," so schrieb der König, "dem Katte das Urteil
mitteilt, so soll ihm gesagt werden, dass es Seiner Königlichen
Majestät leid um ihn täte, aber es wäre besser, dass er stürbe, als dass
die Gerechtigkeit aus der Welt käme."
In der Frühe des 6. November erst erhielt Kronprinz Friedrich in
seinem Gefängnis von zwei Offizieren die Nachricht, dass die
Hinrichtung Kattes beschlossen sei und dass sie auf Befehl des Königs
vor den Fenstern des Kronprinzen stattfinden sollte. "Was bringen Sie
mir für eine böse Zeitung," schrie Friedrich in tiefster Seele
getroffen auf, "Herr Jesus, bringen Sie mich doch lieber ums Leben!" ?
Aber hier konnte niemand etwas helfen. Den hätte der königliche Zorn
zermalmt, der zwischen ihn und den Todgeweihten getreten wäre. Als der
dumpfe Trommelklang anzeigte, dass Katte zu Tode schritt, trat
Friedrich ans Fenster. Schon stand der geliebte Freund im Kreis der
Soldaten. Vor ihm der Oberauditeur, der das Urteil verlas, etwas
abseits im roten Mantel, dessen Falten das Richtschwert bargen, der
Scharfrichter. Der erschütterte Kronprinz warf dem freunde Kusshände zu
und rief laut schreiend: "Pardonnez moi, mon cher Katte!" "Verzeihe
mir, mein teurer Katte!" worauf Katte zurückrief : "La mort est douce
pour un si aimable prince!" "Der Tod ist süß für einen so
liebenswürdigen Prinzen!" Bis zur letzten Minute hoffte man auf einen
königlichen Gnadenerlaß. Er traf nicht ein.
Das Haupt Kattes fiel. Kronprinz Friedrich sank den Offizieren, die
bei ihm waren, ohnmächtig in die Arme. Wieder zu sich gekommen, war
Friedrich während des ganzen Tages nicht vom Fenster wegzubringen. Er
starrte fortwährend auf jene Stelle, wo Kattes toter Körper mit einem
schwarzen Tuch bedeckt lag. Endlich kamen einige Küstriner Bürger, die
den Toten in einen Sarg legten. Der Prinz lag während der Nacht in
wilden Phantasien. Als der blasse Morgen anbrach, setzte er sich
aufrecht und sagte, vor sich hinstarrend: "Der König meint wohl, er
habe mir Katte genommen, ich sehe ihn aber vor meinen Augen stehen."
So war ein furchtbar strenges Gericht über Friedrich hereingebrochen.
Ein Gericht, dass seine Seele bis in die Tiefen erschüttern musste. Der
Feldprediger Müller von den Berliner Gendarmen, ein aufrechter,
wackerer Mann, blieb noch etliche Tage in Küstrin und unterhielt sich
viel mit dem Prinzen. Er überbrachte auch Kattes letzte Aufzeichnungen
an Friedrich, in welchen der Gerichtete seinen kronprinzlichen Freund
beschwor, sein Herz Gott zu ergeben und dem Könige nicht zu grollen
und zu glauben, das Katte die Schuld an seinem Tode nicht ihm
beimesse.
Bevor der Kronprinz sein Gefängnis verlassen durfte, verlangte der
König einen besonderen Eid von ihm des Wortlauts: "dass er wolle streng
und gehorsamlich dem Willen des Königs nachleben und in allen Stücken
tun, was einem getreuen Diener, Untertan und Sohn zukomme und gebühre,
wofern er aber wieder umschlüge und auf die alten Sprünge kommen
würde, sollte er der Krone, der Kurwürde und der Thronfolge verlustig
sein." ? Der Kronprinz wurde von nun an auf der Kriegs- und
Domänenkammer in Küstrin beschäftigt, um die innere Verwaltung kennen
zu lernen. Der sehr tüchtige Präsident von Münchow und der treffliche
Kammerdirektor Hille wurden seine Lehrmeister. Friedrich zeigte einen
in jeder Beziehung großen Eifer, vorwärts zu kommen, aber noch blieb
ihm viel verboten. Er durfte keine Briefe schreiben, bis auf solche an
den König und die Königin, in jedem Monat einen. Er durfte weder Musik
treiben noch solche anhören. Er durfte nie über Politik sprechen. Zum
Lesen wurden ihm nur erlaubt: die Bibel, das Gesangbuch und ein
frommes Andachtsbuch. Der König war der Meinung, dass die vielen
französischen Bücher, die sich in Friedrichs Bibliothek vorfanden,
schlecht auf seinen Prinzen eingewirkt hätten. Im übrigen wünschte er,
dass sich sein Kronprinz aus den Kammergeschäften davon überzeuge: "dass
kein Staat bestehen könne ohne Wirtschaft und gute Verfassung und dass
unstreitig das Wohl des Landes davon abhinge, dass der Landesvater
selbst alles verstehe und ein guter Wirt sei, denn sonst, wenn dies
nicht geschehe, bliebe das Land den Günstlingen und Premierministern
zur Verfügung, welche den Vorteil davon hätten und alle Sachen in
Unordnung brächten."
Ein ganzes Jahr währte es, bis sich der König entschloss, sein
Vaterauge wieder auf dem "Bösewicht Fritz" ruhen zu lassen. Endlich,
am 15. August 1731, am Geburtstage des Königs, kam Friedrich Wilhelm
nach Küstrin und ließ seinen Sohn vor sich kommen. Der König fand tief
zu Herzen gehende Worte für dieses Wiedersehen, obgleich er mit
strenge sprach. "Ihr habt gemeint, mein Kerl, mit Eurem Eigensinn
durchzukommen, aber höret, wenn Ihr auch 60 und 70 Jahre alt wäret, so
solltet Ihr mir doch nichts vorschreiben!" Dann aber hielt er seinem
Prinzen vor, wie er als Vater doch zeitlebens alles getan, um das Herz
seines Sohnes zu gewinnen und wie er nicht einmal seine Freundschaft
habe erwerben können. Hier war es, wo Kronprinz Friedrich zum
ersten Mal den warmen Schlag des Vaterherzens empfand, wo er spürte,
dass neben harter Strenge doch auch viel Sorge und Liebe für ihn in
diesem Herzen wohne. "Ich hatte bisher wahrlich nie geglaubt," sagte
Friedrich, "dass mein Vater die geringste Regung von Liebe für mich
hätte."
Aber noch musste Kronprinz Fritz einige Monate in Küstrin bleiben und
fleißig arbeiten. Diese Küstriner Zeit ist später für den König
Friedrich von großer Wichtigkeit gewesen. Sein heller Geist gewann
tiefe Einblicke in die Verwaltung des Staates, und er lernte zuerst in
Küstrin die Tüchtigkeit und den Erfolg der unermüdlichen Arbeit seines
Vaters erkennen. Endlich, Ende November, führte der König der Mutter
und Schwester den Sohn wieder zu. Es war auf Wilhelminens Hochzeit mit
dem Erbprinzen von Bayreuth, als Friedrich aus seiner Küstriner
Dunkelheit plötzlich in dem hell erleuchteten Festsaal erschien. "Seht
Ihr, Madame," sagte der König zu seiner Frau, "da ist nun der Fritz
wieder." Natürlich gab dies plötzliche Erscheinen eine erregte Szene
ab. Die königliche Mutter konnte sich kaum fassen. Schwester
Wilhelmine "war wie närrisch, weinte, lachte und schwatzte das
verworrenste Zeug." Uns als auch der König die weiche Seite zeigte und
weinend nach seinem Taschentuch griff, war bald ein allgemeines
Schluchzen und Weinen. ? Kronprinz Friedrich kehrte dann nach Küstrin
zurück und der König trachtete nun, seinen Prinzen, um den englischen
Heiratsplänen ein für allemal ein Ende zu machen, zu verheiraten. Auch
in dieser so ernsten Frage musste der Kronprinz seinem Vater unbedingt
gehorchen. Die Prinzessin Elisabeth Christine von Braunschweig Bevern
war es, auf welche die Wahl des Königs gefallen war. Friedrich gab
ohne Murren nach, obgleich er sich innerlich tief unglücklich fühlte.
"Ich habe keine Abneigung gegen die Prinzessin," sagte er einem
Vertrauten, "sie ist ein gutes Herz und ich will ihr nichts Böses,
aber ich werde sie nie lieben können!"
König Friedrich Wilhelm zeigte sich seinem gehorsamen Sohne gnädig. Er
übergab ihm als Oberst die Führung des 15. Regiments zu Nauen und
Ruppin, allerdings mit dem straffen königlichen Befehl, der Prinz
solle dafür sorgen, "dass sein Regiment kein Salatregiment würde." In
der Tat hat Friedrich die Pflichten, die ihm als Oberst erwuchsen, mit
großer Tatkraft und Treue erfüllt. "Wir exerzieren hier tüchtig,"
schrieb er an einen Vertrauten, "denn neue Besen kehren gut und ich
muss doch in meiner neuen Würde zeigen, dass ich ein tüchtiger Offizier
bin."
Am 12. Juni 1733 fand zu Salzdahlum in Braunschweig die Hochzeit des
Kronprinzenpaares statt. Mochte nur auch Kronprinz Friedrich keine
Liebe zu seiner Braut hegen, es ist gewiss, dass die Prinzessin
Elisabeth Christine ihrem geistig weit höher stehend Gemahl Liebe und
Zuneigung, ja förmlich Ehrfurcht in hohem Maße entgegenbrachte, und
der Kronprinz war zu gerecht, um nicht das, was ihm seine junge Frau
sein wollte, zu erkennen. "Ich müsste der niedrigste Mensch auf dem
Erdboden sein," hat er später geäußert, "wenn ich meine Frau nicht
aufrichtig hochschätzen wollte, denn sie ist das sanfteste Gemüt, so
gelehrig wie sich nur denken lässt und gefällig bis zum äußersten, so
dass sie mir alles an den Augen absieht, womit sie denkt, mir Freude
machen zu können."
Das Jahr 1734 führte den Kronprinzen Friedrich in das Feldlager des
Prinzen Eugen von Savoyen, dem in dem Liede "Prinz Eugen, der edle
Ritter" viel Besungenen. Um die Thronfolge in Polen war ein Krieg
zwischen Frankreich und Österreich ausgebrochen, Preußen stellte 10
000 Mann Hilfstruppen zu dem österreichischen Heer, das an den Rhein
marschierte. Mit Lust folgte der Kronprinz dem Wunsche seines Vaters,
die preußischen Truppen als Volontär zu begleiten. Allerdings der
große Feldherr Prinz Eugen war damals schon 71 Jahre alt, und der
Türkensieger von Zenta und Belgrad besaß nicht mehr das Feuer der
Jugend; dennoch mochte der Prinz auf Friedrich einen unauslöschlichen
Eindruck, und begeistert rief der junge Kronprinz aus: "Noch ein
Schatten des Prinzen Eugen flößte den Feinden Ehrfurcht ein." ? Aber
Friedrich brachte aus dem Feldzug mehr heim, als nur die Bewunderung
für den Prinzen Eugen. Sein Vater hatte ihm ausdrücklich befohlen, er
solle sich stets an die alten Offiziere und Generale anschließen,
solle bei jeder Rekognoszierung um den Führer sein und auf dessen
Anordnungen Acht geben. Da konnte es bei den offenen Augen des Prinzen
und seinem scharfen Verstande nicht fehlen, dass Friedrich vieles sah
und lernte.
Vor allen Dingen nahm er hier das wahr, was er bisher nur im Frieden
gesehen hatte, nämlich, dass die preußische Infanterie, welche unter
dem Kommando des Fürsten Leopold von Anhalt Dessau stand,
ausgezeichnet geschult war. Hier war strenge Disziplin und
Manneszucht, während die Kaiserliche Armee eine bedenkliche
Vernachlässigung zeigte. Friedrich fasste seine Beobachtungen in das
Wort zusammen: "Solcher Feldzug ist eine Schule, in der man aus der
Verwirrung und Unordnung, die in der österreichischen Armee herrscht,
eine Lehre ziehen kann." ? Bald genug sollte das Geschick es
herbeiführen, dass Friedrich, selbst an der Spitze eine Heeres stehend,
sich mit den österreichischen Truppen messen konnte. Inzwischen aber
waren die drei Monate, die Friedrich im Feldlager stand, auch in
anderer Beziehung für ihn von Wert. Er lernte den Felddienst im
kleinen kennen: "Wie die Schuhe der Musketiere beschaffen sein
sollten, wie lange ein Soldat solche tragen konnte und wie lange er
damit in einer Kompanie auskommen musste, desgleichen von allen
Kleinigkeiten, so zu den Soldaten gehörten, und so ferner bis zur
hundertpfündigen Kanone, auch endlich bis zu dem großen Dienst und
auch bis zu des Generalissimus Dispositionen."
Eine schwere Erkrankung des Vaters rief im Herbst den Sohn aus dem
Feldlager zurück. Der arme König war von der Wassersucht am ganzen
Leibe geschwollen. Er glaubte damals selbst an seinen Tod und nahm
Gelegenheit, den Prinzen in die Staatsgeschäfte einzuführen, soweit
ihm das bei seinem leidenden Zustand möglich war. "Fritzchen,
Fritzchen!" pflegte er wohl zu sagen, "wenn Du es nicht recht wirst
anfangen, und alles drunter und drüber gehen wird, so werde ich noch
im Grabe über dich lachen." ? Aber diesmal genas der König wieder, und
es sollten noch einige Jahre darüber hingehen, bevor Friedrich auf den
Thron berufen wurde.
Bis dahin hielt der Kronprinz Hof im Schlosse zu Rheinsberg, einem
staatlichen Besitz, den der König ihm geschenkt hatte. Hier durfte
sich Friedrich das Leben so einrichten, wie es ihm gefiel. Er sammelte
eine Anzahl geistreicher, gelehrter, philosophisch veranlagter Freunde
um sich und atmete nach so viel Stürmen, die sein junges Leben schon
mit sich gebracht hatte, hier in der Stille des Rheinsberger Schlosses
und seines Parkes auf. Ein Zeitgenosse schildert uns anschaulich das
Leben in Rheinsberg. "Alle, die auf dem Schlosse wohnen, genießen die
ungezwungenste Freiheit. Jeder denkt, liest, zeichnet, schreibt,
spielt ein Instrument, ergötzt oder beschäftigt sich in seinem Zimmer
bis zur Tafel. Dann kleidet man sich sauber, doch ohne Pracht und
Verschwendung, und begibt sich in den Speisesaal. Alle Beschäftigungen
und Vergnügungen des Kronprinzen verraten den Mann von Geist. Sein
Gespräch bei Tafel ist unvergleichlich. Er spricht viel und gut; es
scheint, als wäre ihn kein Gegenstand zu fremd oder zu hoch. Über
jeden findet er eine Menge neuer richtiger Bemerkungen. Er duldet den
Widerspruch und versteht die Kunst, die guten Einfälle anderer zutage
zu fördern. Er scherzt und neckt zuweilen, doch ohne Bitterkeit und
ohne eine witzige Entgegnung übel aufzunehmen. Die Bibliothek des
Prinzen ist allerliebst; sie ist in einem der Türme des Schlosses
aufgestellt und hat die Aussicht auf den See und Garten. Sie enthält
eine nicht zahlreiche, aber wohl gewählte Sammlung der besten
französischen Bücher. Voltaires lebensgroßes Bild ist darin
aufgehängt."
Diese feine Bibliothek bedeutete für den Kronprinzen sehr viel. Er
stand früh um 4 Uhr bereits auf und saß dann gewöhnlich 6 Stunden lang
und länger an seinem Arbeitstisch in dem runden Turmzimmer und las.
Den Gänsekiel oder das Crayon hatte er stets zur Hand, um
nachdenkliche Stellen anzustreichen oder Auszüge zu machen. Er pflegte
die von der Lektüre befruchteten Gedanken sofort niederzuschreiben. So
tief steckte der Prinz in seinen Studien, dass er kaum wusste, ob
draußen die Sonne schien oder ob es regnete. "Auf der Hin- und
Herreise zwischen meinem Arbeitszimmer und meiner Bücherei habe ich
keine Gelegenheit, nach dem Wetter zu sehen," meinte er scherzend. Mit
eisernem Fleiß war Friedrich bemüht, die Lücken seiner Bildung
auszufüllen. Ernste und fruchtbringende Studien waren ihm die
Hauptsache für den Tag. Er unterschied genau die nützlichen und die
angenehmen Beschäftigungen. Zu den nützlichen zählte Friedrich das
Studium der Philosophie, der Geschichte und Sprachen und gute Lektüre;
zu den angenehmen gehörte eine lebhafte Tafel, Musik und Theaterspiel.
Das Lesen wurde für den König zur Leidenschaft, aber es war ein
denkendes Lesen, und bezeichnend ist die Frage, die später der alte
Fritz an einem seiner Adjutanten tat: "Kann Er lesen?" Auf das
verblüffte Aussehen des Adjutanten sagte der König kurz: "Merke Er
wohl auf: Lesen heißt denken!"
Die Bildung Friedrichs war französisch. Die französische Sprache hatte
er in seiner Kinderstube erlernt. Sie blieb ihm unentbehrlich wegen
ihrer Eleganz, Feinheit und Kraft. Die deutsche Sprache erschien ihm
holprig und schwerfällig. Damals stand die französische Literatur auf
einer ganz anderen Stufe als die deutsche. Sie besaß einen größeren
Reichtum, der allerdings durch die Reihen deutscher Dichter in den 150
Jahren, die seitdem verflossen sind, zehnfach überflügelt worden ist.
Aber damals sah es um das deutsche Schrifttum noch schlimm aus.
Dennoch verkannte Friedrich keineswegs die geistige Bedeutung seiner
Landsleute. "Den Deutschen," so schrieb er, "fehlt es durchaus nicht
an Geist, und die Natur hat ihnen einen gesunden Menschenverstand
gegeben. Die Deutschen sind arbeitsam und tief, und wenn sie sich
einmal mit einer Sachen befassen, so gehen sie darin auf; ihre Bücher
aber sind von einer tödlichen Weitschweifigkeit. Wenn man ihnen ihre
Schwerfälligkeit nehmen könnte, würde ich die Hoffnung nie aufgeben,
dass meine Nation große Männer hervorbringen könnte." ? Für Friedrich
bestand die große Kunst der Schriftsteller darin, "es zu vermeiden,
dass die Leser gähnten." Ein Wort, dass wir heute noch getrost
unterschreiben können, denn wahrlich, kein Buch braucht langweilig zu
sein; jeder Stoff lässt sich irgendwie fesselnd behandeln, und wenn das
nicht so geschieht, wie es notwendig ist, so liegt dies allemal am
Schreiber.
In jenen Tagen begann Friedrichs Briefwechsel mit den großen
französischen Schriftsteller Voltaire, der seinerseits natürlich
begierig auf solchen Briefwechsel einging und sich dem preußischen
Kronprinzen gegenüber von der allerbesten Seite zeigte. Die Verehrung
Friedrichs für den Schriftsteller Voltaire ist auch niemals erloschen.
Den Menschen allerdings sollte Friedrich später von einer Seite kennen
lernen, die durchaus nichts Verehrungswürdiges hatte.
So floss in ernsten und heiteren Stunden die Rheinsberger Zeit dahin.
Es waren glückliche Tage für Friedrich, wie sie so glücklich ihm im
Leben niemals wiederkehren sollten. Er hat damals, als er ein Jahr in
Rheinsberg zugebracht hatte, die Worte gesprochen: "Wenn ich heute
meine Grabschrift machen würde, so müsste sie lauten: Hier liegt Einer,
der ein Jahr gelebt hat."
Sehr viel zum inneren Frieden des Kronprinzen und Sohnes trug es auch
bei, dass das Verhältnis zu seinem Vater sich immer freundlicher
gestaltete. Besonders, als der erste Rat des Königs, der Feldmarschall
von Grumblow, aus dem Leben schied, schien das letzte Hemmnis zwischen
Vater und Sohn gehoben. Besonders äußert sich das im Sommer 1739, als
der König und sein Sohn gemeinsam durch Ostpreußen reisten. "Ich kann
den König gar nicht genug rühmen," schrieb Friedrich bewegt an einen
Vertrauten, "er ist so gegen mich, wie ich es mir immer gewünscht
habe." ? Und als er die gewaltige Arbeit erkannte, die sein tapferer
Vater in Litauen geleistet hatte, brach bei Friedrich die Bewunderung
für diesen Vater und König durch. Das Land war von der Pest entvölkert
worden, Elend hatte überall geherrscht, bis König Friedrich Wilhelm
eingriff. Begeistert schrieb Kronprinz Friedrich über diese Tat seines
Vaters an Voltaire und schildert ihm, was der König hier in Litauen
geleistet hatte. Eine Einöde war in ein blühendes Land gewandelt
worden, und mehr als eine halbe Million Bewohner lebten in Litauen in
blühenden Städten und Dörfern in Wohlstand, und alle dankten diese dem
Könige. "Ich habe," heißt es am Schlusse des Briefes, "in der
offenherzigen und freimütigen Art, derer sich der König bedient hat,
diese Einöde fruchtbar und glücklich zu machen, etwas so heroisches
gefunden, dass es mir schien, als müssten Sie von denselben Empfindungen
erfüllt sein."
So klang mit den sinkenden Tagen des Königs das Verhältnis zu seinem
Sohne in guter Harmonie aus. Längst hatte Friedrich Wilhelm erkannt,
dass in diesem Sohne etwas Großes, Ungeahntes stecken müsse, und der
Prinz hatte in seiner bedrängten Jugend gelernt, dass es in dieser Welt
unmöglich sei, mit dem Kopfe gegen die Wand zu rennen, sondern dass
Gehorsam sein musste.
Im Frühjahr des Jahres 1740 mehrte sich die Krankheit des Königs, und
man konnte ständig seinen Tod erwarten. Der arme Herr musste furchtbar
leiden. Er fand des Nachts keinen Schlaf mehr, die Atemnot nahm zu,
die Wassersucht zeigte sich in ihrer schrecklichsten Form. Der König
hatte sich, um doch mehr Natur um sich zu haben, in das Stadtschloss
von Potsdam begeben, wo er den letzten Mai seines Lebens verbrachte.
Am 30. Mai wurde Kronprinz Friedrich zu seinem sterbenden Vater
gerufen. Er fand den König in einem Rollstuhle im Sonnenschein auf dem
Schlosshofe sitzen und die Bauarbeiten an seinem Marstalle beobachten.
Als der Prinz kam, schloss ihn der König in die Arme, während ringsum
eine große Menge von Zuschauern tief erschüttert teilnahm. Stundenlang
hat dann Friedrich Wilhelm mit seinem Sohne und seinem ersten Minister
von Podewils über die Lage der Politik und den Staat gesprochen.
Innerlich tief beruhigt, legte der Scheidende das Regiment in die
Hände seines Sohnes. "Gott tut mir viel Gnade," sagte er zu den
Generalen und Offizieren, die um ihn waren, "dass er mit einen so
braven und würdigen Sohn gegeben hat."
So rege war dieser heldische König bis in seine letzten Stunden, dass
er genau alles bestimmte, wie sein Begräbnis gehalten werden sollte.
Er ließ auch seinen Sarg vor sich bringen, besah sich die Arbeit und
war zufrieden und sagte: "In diesem Bette will ich recht ruhig
schlafen." ? Er bestimmte das Bataillon Garde, welches folgen sollte,
"das Gewehr umgekehrt unter dem linken Arm," und die Pfeifer sollten
die Melodie spielen: O Haupt voll Blut und Wunden..., ein Lied, dessen
Text und Weise dem König von jeher gut gefiel. Drei Salven sollten
seine Potsdamer Grenadiere über seinen Sarg abgeben, aber, so befahl
der König, die Salve solle klappen und die Kerle sollten nicht
"plackern", d.h. es sollte kein Schuss nachknattern, was Friedrich
Wilhelm von jeher höchst verhasst war.
Der letzte Tag des Mai endlich brachte das Ende. "Fühl' Er meinen
Puls, Pietsch," sagte der König zu seinem Chirurgen, "und sage Er mir,
wie lange ich noch lebe." ? Pietsch entgegnete: "Leider ist es bald
aus, Ew. Majestät." ? "Er soll nicht leider sagen," brummte der König,
"woher weiß Er das überhaupt?" Der Chirurg muss seine Ansicht begründen,
so gut er kann. ? Um 3 Uhr nachmittags tritt die erlösende Ohnmacht
ein und das starke Herz hämmert dem letzten Schlag entgegen. "Mein
Vater", sagte Friedrich von diesem Tode, "starb mit der Festigkeit
eines Philosophen und der Ergebung eines Christen. Er bewahrte eine
bewundernswerte Geistesgegenwart bis zum letzten Augenblicke seines
Lebens, als Staatsmann seine Geschäfte ordnend, die Fortschritte
seiner Krankheit verfolgend wie ein Arzt, und über den Tod
triumphierend wie ein Held." ?
Bei dem tiefen Gemütsleben des jungen Königs der nun an das
Staatsruder trat, war es begreiflich, dass Friedrich sehr unter dem
Tode des Vaters litt. Vom ersten Schmerz bewältigt, eilte der Sohn auf
ein Zimmer und schloss sich ein. Aber schon pocht die Pflicht mit
hartem Finger an. Der alte Fürst Leopold von Anhalt Dessau lässt sich
melden, er muss nach Dessau abreisen. Der junge König kann sich dem
alten General nicht versagen, und so tritt der tapfere Degen, das
Schwert der preußischen Monarchie, zu seinem jungen König in das
Zimmer. Aufgelöst in Tränen, wirft sich dem neuen Herrn zu Füßen. Er
ist der erste, der dem König sein Beileid entgegenbringt und auch der
erste, der andere Worte findet: Er bittet den König, ihn und seine
Söhne in den Ämtern und Würden, die sie besitzen, zu belassen und
bittet den König auch, die persönliche "Autorität", die sie unter dem
toten König genossen haben, aufrecht zu erhalten. Dieses erste Gesuch
, das an den schmerzbewegten Sohn gerichtet wird, will seine Antwort.
Gewaltsam drängt Friedrich das Gefühl zurück. Seine helle blauen Augen
richten sich auf den alten Fürsten, und dann kommt es knapp in
wohllautender, schmiegsamer, heller Stimme von den Lippen des jungen
Königs: "Ich werde versuchen, Ew. Durchlaucht in allem, was Ihnen
Freude macht, zu willen zu sein, so weit ich es vermag. Ich werde auch
weder an Ihre eigenen Ämter, noch an die ihrer Söhne rühren. Was aber
die Autorität angeht, welche Sie besessen zu haben glauben, so ist mir
davon nichts bekannt: Ich weiß als König von keiner Autorität, als
der, die den König selbst innewohnt." ? Das war eine Antwort, gegeben
von einen jungen König, von dem man getrost sagen darf: jeder Zoll ein
König. Friedrich wollte keinen Willen neben sich. Sein eigener Wille
sollte gelten. "Er wollte keinen Hofmeister," wie er wenige Monate
später dem alten Dessauer offen schrieb.
Das königliche Antlitz, das Friedrich dem alten Dessauer zeigte,
bekamen am nächsten Tage in Berlin bei der Vereidigung auch seine
Generale zu sehen. "Wir haben, meine Herren," sagte Friedrich,
"unseren gemeinschaftlichen Herrn und König verloren. Wir müssen
suchen, uns darüber zu trösten. Ich hoffe, Sie werden mir beistehen,
die schöne Armee zu erhalten, welche Sie meinem Vater haben bilden
helfen. Gegen einige von Ihnen liegen Klagen über Härte, Habsucht und
Übermut vor. Stellen sie dieselben ab. Ein guter Soldat muss ebenso
menschlich, wie vernünftig, als herzhaft und brav sein." ? Mit klarem
Wort stellte Friedrich auch seinen Ministern gegenüber seine Stellung
als König zum Staate fest: "Ich denke, dass das Interesse des Landes
mein eigenes ist, dass ich kein Interesse haben kann, welches nicht
zugleich, das des Ganzen wäre. Sollten sich beide nicht mit einander
vertragen, so soll der Vorteil des Landes stets den Vorzug haben." ?
Wahrlich ein königliches Wort, welches einzig dastand in einer Zeit,
wo so viele deutsche und fremde Fürsten ihre hohe Stellung
missbrauchten und ihre Länder aussogen und ausplünderten.
Schon im ersten Monat der Regierung zeigte der König, wie hoch sein
freier Geist über den Dingen stand. Mit einem Federstrich schaffte er
die bis dahin im Gerichtswesen noch gebräuchliche Folter ab. Und dann
kamen jene Verfügungen in Sachen der Religionen, welche noch heute
über die Jahrhunderte hinwegleuchten: "Alle Religionen sind gleich und
gut, wenn nur die Leute, welche sie ausüben, ehrliche Leute sind." ?
Und das andere Wort, welches dieses erste gleichsam ergänzt: "Die
Religionen müssen alle toleriert (geduldet) werden, und muss der Staat
ein Auge darauf haben, dass keine der anderen Abbruch tue, denn hier
muss jeder nach seiner Fasson selig werden können." Hier zeigt sich der
königliche Geist, der weit über den Dingen und seiner Zeit stand. Ihm
waren alle religiösen Bekenntnisse gleich geachtet, nur verlangte er
von den Bekenner jeder Religion, dass er seine Pflicht als Staatsbürger
gewissenhaft erfülle. Man muss bedenken, dass die Worte des Königs in
eine Welt hinaustönten, in welcher es um die Duldsamkeit der
religiösen Bekenntnisse zu einander noch arg stand, und man wird
doppelt anerkennen, wie hoch die Bedeutung solcher freien Worte war.
Mit Wucht stürzte sich der König in die Arbeit. Im Sommer um 4 Uhr, im
Winter um 5 Uhr begann sein Tagewerk, und dies ist durch die 46 Jahre
seiner Regierung dauernd so beigeblieben. "Die Kürze des Tages,"
schrieb er bezeichnend an Voltaire, "da er mir 24 Stunden zu wenig zu
haben scheint, bedaure ich. Ich arbeite mit beiden Händen, mit der
einen für die Armee, mit der andern für das Volk und die schönen
Künste." ?
Jene aber irrten sich gewaltig, die da glaubten, dass nun ein goldenes
Zeitalter der Wissenschaft und Kunst über Preußen heraufkommen werden.
Wohl hat Friedrich während seiner ganzen Regierung, so viel es anging.
Wissenschaft und Kunst gefördert, wohnte doch in ihm ein
künstlerischer Geist ersten Ranges; aber die Staatsgeschäfte gingen
unter allen Umständen vor. Friedrich verminderte sein Heer nicht etwa,
nein, er vermehrte es. Er schuf alsbald 16 neue Bataillone in einer
Stärke von 10 000 Mann und hielt alsdann 90- bis 100 000 Mann
wohl gerüsteter und einexerzierter Truppen unter den Waffen. Wohl war
das eine gewaltige Rüstung für ein Staat, der knapp zwei und eine
Viertelmillion Einwohner hatte; aber das kleine Preußen war infolge
seiner lang gestreckten Lage ein in seinen Grenzen schwer zu
verteidigender Staat, so dass es eine schwere Waffenrüstung trogen
musste. Und dies schlagfertige Heer, das sein Vater geschaffen, das
Friedrich vermehrte und stählte, sollte nur zu bald seine
ernsthafteste Verwendung finden. Friedrich war nicht gewillt, wie sein
Vater es zeitlebens getan hatte, "mit gespanntem Hahn ständig auf der
Wacht zu stehen, aber nie loszudrücken." Er war sich bewusst, dass die
letztere Notwendigkeit einmal plötzlich eintreten konnte und er wollte
ihr nicht aus dem Wege gehen, "denn" so sagte er, "es ist ein gewisser
Grundsatz, dass es besser ist, zuvorzukommen, als sich zuvorzukommen zu
lassen." ?
Nur wenige Monate nach seiner Thronbesteigung trat diese Notwendigkeit
für König Friedrich ein. Am 26. Oktober 1740 starb nahe Wien auf
seinem Jagdschloss Favorite Kaiser Karl VI. Der Kaiser war der letzte
männliche Spross aus dem Stamme Habsburg und da das Erbrecht nur für
die männliche Linie galt, so ließ Kaiser Karl VI. durch ein besonderes
Hausgesetz seine Tochter Maria Theresia zur Erbin erklären. Dies
Hausgesetz ließ er sich von den Großmächten und den deutschen Fürsten
garantieren. Aber natürlich wurden an eine solche Garantie von allen
Seiten Bedingungen geknüpft, und als der Kaiser dann nach unendlichen
Mühen in dieser Sache zu früh starb, ? er war kaum 56 Jahre alt, ?
erwies sich dieser Erbvertrag dennoch nur als ein Blatt Papier, das
sehr bald von allen Seiten durchlöchert wurde.
König Friedrich von Preußen war ebenfalls entschlossen, für den fall
des Todes des Kaisers Ansprüche geltend zu machen und zwar auf jene
schlesischen Gebiete Liegnitz, Brieg und Wohlau, die einst seinem
Hause durch Erbvertrag versprochen waren. Außerdem hatte zu Anfang des
dreißigjährigen Krieges das Herzogtum Jägerndorf unter der Herrschaft
eines hohenzollernschen Marktgrafen gestanden, der dann in
Kriegszeiten von der österreichischen Macht von Land und Leute
vertrieben worden war. Zweifellos fiel, nachdem jetzt die männliche
Erbfolge im habsburgischen Hause erloschen war, das Erbe an den
Mannesstamm der Hohenzollern zurück. Es war übrigens ein Erbhandel,
der seit über hundert Jahren spielte. Der Große Kurfürst hatte stets
Ansprüche auf diese schlesischen Lande gemacht, nicht minder sein
Vater und nicht minder König Friedrich Wilhelm I. Jetzt war es an
König Friedrich, seine Rechte auf Schlesien geltend zu machen, und der
König, der sich selbst tagelang in diese alten Papiere und
Erbdokumente vertiefte, war von seinem Rechte so fest überzeugt, dass
er ebenso entschlossen war, kein Tüttelchen davon herzugeben.
Als daher am Nachmittag des 26. Oktober 1740 ein Kurier aus Wien mit
der Botschaft vom Tode des Kaisers Karl in Rheinsberg eintraf, war
Friedrich gleich bereit zu handeln. Er litt damals an einem
Wechselfieber, das ihn sehr quälte. Aber er schüttelte das Fieber:
"Ich werde meinem Fieber den Laufpass geben, denn ich habe meine
Maschine nötig." ? Sofort ließ der König seinen Minister von Podewils
und seinen General Graf Schwerin nach Rheinsberg kommen, um mit diesen
beiden wichtigen Männern zu Rate zu gehen. Der General war von
vornherein sehr bei der Sache, der Minister hingegen war bedenklich
und machte Einwendungen. Indes beide stießen auf einen festen
Entschluss des Königs, den dieser durchaus nicht ändern wollte. "Die
Rechtsfrage," entgegnete der König seinem Minister, "ist Ihre Sache.
Es ist Zeit, insgeheim daran zu arbeiten, denn die Befehle an die
Truppen sind gegeben."
Die Rüstungen, die alsbald in ganz Preußen angestellt wurden, erregten
die europäischen Großstaaten an allen Ecken und Enden. Von Frankreich
kamen Gesandte, selbst Voltaire kam, unter dem Vorwande den König zu
besuchen, im Grunde aber, um ihn auszukundschaften. Alle Diplomaten
und Geschäftsträger steckten die Köpfe zusammen. Der Gesandte, der von
Wien kam, um die Thronbesteigung der Königin Maria Theresia
anzuzeigen, sah bereits allenthalben auf seinem Wege Truppenmärsche
und Truppenversammlungen. Der alte Fürst von Dessau erlaubte sich, den
König zu warnen. Er redete so dringend, dass der König später sagte:
"Er würde mich eingeschüchtert haben, wäre mein Entschluss nicht von
äußerster Festigkeit gewesen." Als der alte Feldmarschall sah, dass der
König sich nicht zurückhalten ließ, bat er um ein Kommando. Aber
Friedrich entgegnete ihm knapp und kurz: "Ich behalte mir die jetzige
Unternehmung für mich allein vor, auf dass die Welt nicht glaube, der
König von Preußen ziehe mit seinem Hofmeister zu Feld."
Österreich war schlecht gerüstet. Die vorhandene Truppenmacht war im
ganzen Lande an den Grenzen von Mailand bis Brüssel verzettelt. In
Schlesien standen im ganzen drei Bataillone und einige
Grenadierkompagnien. So konnte der Marsch gegen Breslau nichts anderes
sein als ein Siegesmarsch. Was sollten die Behörden, die dem Hause
Österreich ihren Eid geschworen hatten, hier tun? Sitzen da in
Grünberg Bürgermeister und Schöffen um den Ratstisch, während vor den
Toren ein preußisches Regiment steht. Ein Leutnant erscheint in der
Ratsstube und verlangt die Schlüssel. "Hier liegen die Schlüssel der
Stadt," sagt der hochmögende Bürgermeister, auf den Tisch zeigend,
"ich lehne es unter allen Umständen ab, sie Ihnen zu geben; wollen Sie
sie sich aber nehmen, so kann ich es freilich nicht hindern."
Am 3. Januar 1741 hielt Friedrich seinen Einzug in Breslau. Die
Bewohner der Stadt staunten über das schöne preußische Militär.
"Lauter schöne, wohl qualifizierte, galantmontierte Leute," heißt es in
einem zeitgenössischen Bericht, "die aller Augen mit Bewunderung auf
sich zogen und bei unseren schlesischen Frauenzimmern starken Liebreiz
erweckten." Gegen Ende Januar war ganz Schlesien in den Händen
Friedrichs, mit Ausnahme einiger Festungen. Aber auch diese, Glogau,
Brieg, Neiße, waren eingeschlossen. Der König ließ durch seinen
Gesandten in Wien vorschlagen, ihm Schlesien gegen eine große
Geldzahlung und andere Vorteile abzutreten. Aber die Königin Maria
Theresia und ihr Gemahl, Herzog Franz von Lothringen, waren zu stolz,
um nachzugeben. Es war eben eine Frage, wo beide Teile, König
Friedrich sowohl wie die Königin Maria Theresia, in ihrem Recht zu
sein glaubten. Solche Verhältnisse ergaben sich und ergeben sich ja
noch heute oft in der Geschichte der Welt. "Kehren Sie zurück zu Ihrem
Herrn," lautete der Bescheid an Friedrichs Gesandten, "und sagen Sie
ihm, dass, solange nur ein einziger seiner Soldaten noch in Schlesien
steht, wir ihm kein Wort zu sagen haben."
So mussten in dieser Streitfrage um den Besitz der schönen Provinz
Schlesien denn die Waffen entscheiden. Friedrich war entschlossen,
sich selbst, wenn es sein musste, aufs äußerste auszusetzen. Er schrieb
damals seinem Minister Podewils die wahrhaft königlichen Worte: "Wenn
Mir das Unglück zustoßen sollte, gefangen genommen zu werden, so
befehle ich Ihnen und mache Sie mit Ihrem Kopf dafür verantwortlich,
Meine während Meiner Gefangenschaft gegebenen Befehle nicht zu
beachten und dafür zu sorgen, dass der Staat für Meine Befreiung keine
unwürdige Handlung begehe; und Ich will und befehle für jeden Fall,
dass man alsdann noch kräftiger handle. Ich bin nur König, wenn Ich
frei bin."
Am 10. April 1741 kam es bei Mollwitz zur ersten Schlacht. Die
österreichischen Reiterei zeigte sich der preußischen weit überlegen
und es sah eine Zeitlang schlimm für den Sieg der preußischen Waffen
aus. König Friedrich geriet in das dichteste Getümmel. Graf Schwerin
beschwor den König, das Schlachtfeld zu verlassen. Fast wäre der König
vor den Toren von Oppeln in die Hände österreichischer Husaren
gefallen, nur die Schnelligkeit seines Schimmels rettete ihn.
Inzwischen hatte sich auf dem Schlachtfelde das Glück gewendet. Die
unerschütterliche Haltung und Feuerdisziplin der preußischen
Infanterie hatten zum Siege geführt. "Unsere Infanterie," urteilte
König Friedrich, "sind lauter Cäsars und die Offiziere davon lauter
Helden, aber die Kavallerie ist nicht wert, dass sie der Teufel holt."
Der Sieg von Mollwitz erregte in ganz Europa großes Aufsehen.
Frankreich bot dem König sein Bündnis an, England bot seine
Vermittlung an. "Jeder sucht seinen Topf mit an unser Feuer zu
stellen," meinte Minister Podewils. Friedrich durchschaute wohl die
Bemühungen der Staatsmänner und erkannte ihren wahren Wert. "Die Rolle
eines ehrlichen Mannes zu bewahren unter Schelmen," schrieb er seinem
Minister "ist eine höchst gefährliche Sache, und sein sein mit
Betrügern ist ein verzweifeltes Beginnen." Da aber Maria Theresia von
Österreich die verzweifeltsten Anstrengungen machte, ihren Angreifer
zu Boden zu werfen, nahm Friedrich die Hilfe Frankreichs an. "Wenn man
aber nicht," erklärte der König "nachdrücklich, schnell und von allen
Seiten zugleich angriffe, so könne man sich auf ihn verlassen wie auf
das Laub im November. In der Tat meinten die Franzosen es unehrlich.
Sie wollten nur ihren Nutzen daraus ziehen, dass die deutschen Fürsten
sich gegenseitig zerfleischten. Ganz offen hieß es in Paris: "Wenn die
Häuser Sachsen, Pfalz, Bayern und Brandenburg die Königin Maria
Theresia rupfen, so fördern sie nur Frankreichs Vorteil, und
Frankreich hat nicht zu fürchten, dass die Beute, unter sie verteilt,
eines dieser Häuser beunruhigend vergrößert."
Friedrich war schließlich von neuem auf sich angewiesen und bei
Chotusitz in Böhmen kam es am 17. Mai 1742 zu einer zweiten Schlacht,
in welcher Friedrich den Prinzen Karl von Lothringen, Maria Theresiens
Schwager, aufs Haupt schlug. Wieder war es die preußische Infanterie,
die hier unverwelkliche Lorbeeren erntete. König Friedrich, der
keineswegs die Absicht hatte, für Frankreich die Kastanien aus dem
Feuer zu holen, war zum Frieden bereit und gewann im Vertrage vom 28.
Juli 1742 die schöne Provinz Schlesien, die ihm als altes rechtmäßiges
Erbe des Hauses Brandenburg galt. Der Staat gewann hierdurch 650
Quadratmeilen Landes und 1¼ Million Einwohner; um ein volles Drittel
vergrößerte sich der Landbesitz des Königreichs Preußen. "Ich kehre in
mein Vaterland zurück mit dem tröstlichen Gefühl, dass ich mir ihm
gegenüber nichts vorzuwerfen habe!" durfte der König mit Stolz von
sich sagen.
Während dieses Feldzuges hatte Friedrich, um den Einfluss der
österreichischen Macht zu schwächen, es durchgesetzt, dass die deutsche
Kaiserkrone an das bayerische Kurfürstenhaus kam und dass der Kurfürst
Karl VII. von Bayern zum Kaiser gewählt wurde (4. Januar 1742). Bayern
stand noch im Bunde mit Frankreich gegen Österreich in Waffen. Auch
Kaiser Karl VII. glaubte berechtigte Ansprüche auf einen Teil des
österreichischen Erbes, besonders auf Böhmen zu haben. Aber der Krieg
ging für den Kaiser schlecht aus. Obgleich die bayerischen und
französischen Truppen schon bis Wien und bis Prag vorgedrungen waren,
wurden sie durch die energische Gegenwehr Österreichs wieder
hinausgetrieben und ganz Bayern gelangte in die Hände der
Österreicher. Friedrich musste einsehen, dass der Kaiser, der
hauptsächlich durch seinen Einfluss gewählt worden war, sich ohne seine
Hilfe nicht werden behaupten können, zumal sich jetzt auch England auf
Seiten Österreichs gestellt hatte. "Ich kümmere mich nicht um das,"
rief Friedrich empört den englischen Gesandten zu, "was den Franzosen
geschieht, aber ich kann nicht dulden, dass der deutsche Kaiser
zugrunde gerichtet wird."
Außerdem konnte Friedrich sich nicht verhehlen, dass Maria Theresia,
wenn sie mit Bayern und Frankreich fertig sei, einen neuen Waffengang
um Schlesien wagen würde. Denn zu nahe war der hohen und stolzen
Erzherzogin von Österreich der Verlust der blühenden Provinz gegangen.
Sie konnte keinen Schlesier sehen, ohne in Tränen auszubrechen. König
Friedrich sah ein, dass er die Gunst der Stunde wahrnehmen müsse, bevor
man ihm zuvorkäme. Er schloss (5. Juni 1744) eine neues Bündnis mit
Frankreich, dem sich auch Bayern anschloss, und ließ "zum Schutze des
Kaisers und der deutschen Freiheit" 80 000 Mann seiner Armee als
kaiserliche Hilfstruppen marschieren. ? Während aber Friedrich in
Böhmen stand und vergeblich die Österreicher zur Schlacht zu bringen
suchte, starb (20. Januar 1745) der Kaiser Karl VII., für den er
diesen zweiten schlesischen Krieg eigentlich angefangen hatte. Sein
Sohn Max Josef schloss mit Österreich Frieden, verzichtete auf alle
Ansprüche und versprach, dem Herzog Franz von Lothringen, Maria
Theresiens Gemahl, seine Stimme bei der Kaiserwahl zu geben.
Jetzt stand König Friedrich ganz allein, denn die Franzosen führten
den Krieg so schlaff, dass sie kaum den Rhein verteidigten. Der König
musste wegen Mangels an Lebensmitteln und Fourage seine Stellung in
Böhmen aufgeben und nach Schlesien zurückgehen. Die Österreicher
folgten ihm mit einem stattlichen Heere. Und schon erließ Maria
Theresia eine Kundgebung an die Schlesier, in welcher sie dieselben
ihres Gehorsams und Eides gegen den König von Preußen entband und sie
aufforderte, unter das Szepter des Erzhauses zurückzukehren. Aber der
König war entschlossen, keinen Schritt zu weichen. "Aus Schlesien kann
ich mich so wenig herausschmeißen lassen als aus der Mark. Ich werde
Schlesien verteidigen bis auf den Tod so gut wie Brandenburg. Entweder
werde ich keinen Mann nach Berlin zurückführen oder wir werden
siegreich sein." ? Mit eiserner Tatkraft betrieb König Friedrich den
Krieg. Als die österreichische Armee unter Karl von Lothringen aus den
Gebirgspässen wie eine Wasserflut hervorbrach und gleichsam die ganze
Gegend überschwemmte, stand Friedrich zum Schlagen bereit. Am
Frühmorgen des 4. Juni 1745 gegen 4 Uhr begann die Schlacht von
Hohenfriedberg. Und vier Stunden später hatte der König einen
glänzenden Sieg errungen. "Die besten Alliierten, die wir haben,"
sagte der König "sind unsere eigenen Truppen," und setzte diesen
Truppen in folgenden Worten ein leuchtendes Denkmal.:
"Ich habe Offiziere gesehen, die lieber starben als wichen; ich habe
gesehen, wie sie und selbst die Gemeinen in ihrer Mitte keinen mehr
dulden wollten, der Schwächeanwandlungen gezeigt hatte, von welchem
man in anderen Heeren sicher kein Aufhebens machen würde; ich habe
Offiziere und Soldaten gesehen, die schwer verwundet sich weigerten,
ihren Platz zu verlassen und sich nach einen Verband umzusehen. Mit
solchen Truppen würde man die ganze Welt bändigen!"
Aber Maria Theresia dachte dennoch nicht an Frieden. Ihr Gemahl Franz
von Lothringen stand inzwischen vor der Kaiserwahl, die am 13.
September 1745 erfolgte. Aber sie erklärte, die Kaiserkrone selbst sei
ohne Schlesien nicht des Tragens wert. Sie wäre entschlossen, selbst
wenn sie morgen Frieden machen würde, heute noch eine Schlacht zu
wagen. Vierzehn Tage später (30. September) kam es in Böhmen zur
Schlacht von Soor. Wie bei Hohenfriedberg war es auch hier die
Kriegskunst des Königs und die über alles erhabene Tapferkeit seiner
Truppen, die den Sieg gewann. Dankbar gestand Friedrich schlicht: "Ich
hätte verdient, bei Soor geschlagen zu werden, wenn nicht die
Geschicklichkeit meiner Generale und die Tapferkeit meiner Truppen
mich davor bewahrt hätten." Aber noch immer kein Friede. Zwar durfte
Friedrich getrost sein Minister Podewils schreiben: "Ich habe von
meiner Seite getan, was menschenmöglich ist und was von mir abhängt,
den Rest der Siege überlasse ich der Vorsehung. Und Sie werden mir
bezeugen können, dass ich nichts vernachlässigt und mir nichts
vorzuwerfen habe."
Die letzte Schlacht in diesem zweiten schlesischen Krieg gewann der
alte Dessauer. Am 15. Dezember, einem klaren, hellen Wintertage, griff
auf schneebedeckter Erde der alte Fürst seine Feinde bei Kesselsdorf
an und gewann einen glänzenden Sieg. Es wird erzählt, dass er vor der
Front seines Heeres, den Hut mit beiden Händen umklammernd, ein
seltsames Gebet getan habe: "Gott möge ihm helfen und beistehen, oder
wenn er das nicht wolle, so möge er doch wenigstens den verdammten
Schurken von Feinden nicht beistehen, sondern ruhig zusehen, wie es
ausginge." Und dann hatte er mit den Worten: "In Jesu Namen drauf!"
den Befehl zum Angriff gegeben. ? Am Weihnachtsmorgen 1745 wurde in
Dresden der zweite Friede mit Österreich geschlossen, der dem König
den Besitz Schlesiens sicherte. "Ich werde fortan keine Katze mehr
angreifen," sagte Friedrich, "es sei denn, um mich zu verteidigen. Für
mich liegt mehr wahrhafte Größe darin, für das Glück meiner Untertanen
zu sorgen als für di Ruhe Europa."
Mit ehrlichem Herzen hat König Friedrich fortan den Frieden gewollt
und es gelang ihm, denselben 11 Jahre lang aufrecht zu erhalten, bis
ihm das Bündnis des halben Europa im siebenjährigen Krieg die Waffen
wieder in die Hand zwang. Während dieser 11 Jahre konnte der König,
der sich als Feldherr und Staatsmann so glänzend bewiesen hatte, in
segensreicher Friedensarbeit wirken und sich als das zeigen, was er im
Grunde nur sein wollte: als der erste Diener seines Staates. Alle
Fäden des Staatswesens liefen schließlich in der Hand des Königs
zusammen. So hatte sein Vater die Verwaltung errichtet und so behielt
Friedrich sie bei. Er war der erste Mann am Ruder, er war der
Präsident eine Reihe von Ministern.
Vor allem legte der König die bessernde Hand an eine der höchsten
Einrichtungen im Staate, an die Rechtspflege. Gern erinnert sich
Friedrich einer kleinen Geschichte dieses Inhaltes: Es war ein König
des Altertums, dem einst ein armes Weib eine Beschwerde überreichte.
Da fuhr der König das Weib an und gebot, ihn in Ruhe zu lassen. Das
Weib aber sprach: "Wozu bist du den König, wenn du mir nicht mein
Recht schaffen willst? ? In einem sehr tüchtigen Manne, dem Kanzler
Samuel von Cocceji fand Friedrich bei seiner Arbeit auf diesem Gebiete
einen Gehilfen. Der König wünschte fortan eine kurze, schnelle
Rechtspflege ohne große Kosten, ohne Verschleppung, die nur beherrscht
wurde von Vernunft, vom Recht und Billigkeit, wie es das Beste des
Landes und der Untertanen erfordert. Ein Prozess sollte nicht länger
dauern als ein Jahr. Diejenigen, die schon länger schwebten, wurden zu
einem Ausgleich gebracht. Des Königs Kanzler räumte so in einem halben
Jahr einige tausend Prozesse aus der Welt. Fortan war jeder Richter
verpflichtet, "allen Menschen, ohne Ansehen der Person, Großen und
Kleinen, Reichen und Armen, gleiche und unparteiische Justiz zu
administrieren, so wie sie gedenken, solches vor dem gerechten
Richterstuhle Gottes zu verantworten, damit die Seufzer der Witwen und
Waisen, auch anderer Bedrängten, nicht auf ihr und ihrer Kinder Haupt
kommen möge."
Der lebhafte, klar erkennende Geist des Königs förderte die Reform der
Rechtspflege nicht nur in ihrer äußeren Gestalt, er deutet auch den
Kern des Rechts an in einer Schrift, die im Januar 1750 in der
Akademie der Wissenschaften in Berlin verlesen wurde. Es lagen dieser
Schrift eingehende Studien zugrunde; der König hatte sich in das Recht
der verschiedenen Länder vertieft. Vielfach noch wurde der Dieb an den
Galgen gehängt. Die harte Gesetz scheint dem König von den reichen
gemacht. Hier wallt ein lebhaftes soziales Empfinden in Friedrich auf,
das wir wohl beachten wollen, denn es ist in vielen Gliedern seiner
Rasse wach: "Sollten die Armen," so rief er aus, "nicht mit Recht
entgegnen können: Warum hat man denn kein Mitleid mit unserm
beklagenswerten Zustand; wäret ihr barmherzig, wäret ihr menschlich,
so würdet ihr und helfen in unserem Elend und wir würden nicht
stehlen. Sagt, ist es gerecht, dass alle Glücksgüter dieser Welt für
euch sind und dass alle Mühseligkeiten auf uns lasten?" Der König will
die schweren Strafen aussparen für die schweren Verbrecher, für
Totschlag, Mord, Raub, damit die Strafe immer gleichen Schritt halte
mit dem Verbrechen. Leuchtende Worte sind seiner Feder entflossen in
jener Abhandlung:
"Sich einbilden, dass die Menschen sämtlich Teufel sind, und sie mit
Grausamkeit verfolgen, wäre das Wahngesicht eines scheuen
Menschenhassers; voraussetzen, dass die Menschen sämtlich Engel sind,
und ihnen den Zügel schießen lassen, wäre der Traum eines törichten
Kapuziners; glauben, dass sie weder alle gut noch alle schlecht sind,
ihre guten Handlungen über den Wert lohnen, ihre schlechten unter dem
Maß strafen, Nachsicht üben gegen ihre Schwächen und Menschlichkeit
haben für alle, das heißt handeln, wie ein vernünftiger Mensch soll."
Aber wie in der Rechtspflege, so war der König auch der Meinung, dass
in der Verwaltung "der alte Sauerteig ausgekehrt werden müsse." Der
König verlangte von seinen beamten eine schnelle Entschlusskraft, von
den gemeinsamen Sitzungen schnelle Resultate. "Sie sollen nicht,"
heißt es in einer Verfügung, "ihre Zeit mit wunderlichen Reden
zubringen und wenn sie sich nicht in 6 Minuten vergleichen können, so
soll sofort Bericht an den König erstattet werden." Ein andermal
meinte der König: "Wenn die Beamten fleißig arbeiten, so können sie
ihre Arbeit des Morgens in laufenden Sachen innerhalb drei Stunden
verrichten. Wenn sie sich aber Geschichten erzählen und Zeitungen
lesen, so ist der ganze Tag nicht lang genug." Der König will von
jemanden, der in des Königs Brot steht, auch solide, greifbare Arbeit.
Da ist hoch und niedrig vor den königlichen Augen gleich. Ein Geheimer
Rat soll ebenso gut arbeiten wie sein Sekretär "und nicht etwa
glauben, dass er nur zum ansehen da sei." ? Vom Kammerpräsidenten hinab
bis zum niedrigsten Steuerbeamten soll jeder für den Bürger da sein.
Das Beamtenheer soll den Städtern und Bauern das Leben nicht
erschweren, sondern erleichtern und sie fördern. Der König will keine
Faultiere und Schmarotzer, will keine Bedrückung seiner Bürger und
Bauern. Die Pachtungen sollen auch nicht zu hoch ausgeschrieben
werden, "denn", so sagt mit hohem Wort der König, "das Plus ist ist
verflucht, welches durch das Unglück anderer Leute gemacht wird."
König Friedrich hielt sehr viel auf einen gesunden Bauernstand.
"Wahrer Reichtum," sagte er, "ist nur das, was die Erde hervorbringt.
Die Bauern sind die Pflegeväter der Gesellschaft. Man muss sie zum
Ackerbau ermuntern, darin besteht der wahre Reichtum des Landes." ? Je
dichter die Bevölkerung war, desto größer war nach der Meinung des
Königs der Reichtum des Landes. Jede lebendige Kraft, die Arme zum
Arbeiten hatte, die ein Hirn hat zum Denken, war für diesen großen
König ein Kapital, das dem Staate dienstbar gemacht werden konnte. Wo
indes die Natur so große Hindernisse entgegenstellte, dass der einzelne
sie nicht überwinden konnte, da war Friedrich stets bereit zu helfen.
"Wenn es in meinem Staate Dinge gibt, die über die Kraft meiner
Untertanen hinausgehen, so habe ich die Kosten dafür zu tragen und sie
die Früchte derselben einzuernten."
Sein Vater hatte den Rhin- und Havelbruch trocken legen lassen, hatte
das selbe auch mit dem Oderbruch geplant, dann aber, die ungeheuren
Kosten scheuend die Berechnungen und Pläne zusammengelegt, in einem
Umschlag versiegelt und darauf geschrieben: "Für meinen Sohn
Friedrich." Es war ein Vermächtnis des Vaters, das Friedrich hier
antrat. In Sommer 1747 begannen die Arbeiten im Oderbruch. Sieben
Jahre lang dauerte dieser friedliche Kampf, der dem siebenjährigen
Krieg vorausging. Es wurden an 12 bis 14 Quadratmeilen ungenutzten
Landes in fruchtbaren Ackerboden verwandelt. Mit Recht durfte
Friedrich sagen, dass er hier eine Provinz im Frieden erobert habe. Es
konnten über 1200 Familien auf dem neu geschaffenen Grund und Boden
angesiedelt werden. Nicht nur hier im Oderbruch, sondern überall, wo
es ging, wurden Brüche ausgetrocknet und urbar gemacht. So entstanden
in Pommern an 90 neue Dörfer, fünfzig im Oderbruch der Mark, fast
hundert in der Priegnitz und der Kurmark, wahrlich ein gewaltiges
Werk.
"Ich kann nicht leugnen," sagte Prinz Moritz von Dessau, der den König
verständnisvoll und tatkräftig unterstützt hatte. "wer solche Örter
fertig aufgebaut und mit hundertundfünfzig bis zweihundert Seelen
besetzt siehet, wo sich vor einigen Jahren noch die wilden Tieren
aufhielten, der muss sich über Eure Majestät Anordnung zur Wohlfahrt
der Armee und der Lande ohne Unterlass freuen." Ein Königsbrief rief
Heimatlose und Heimatmüde ins Land. Der Anfang machten Rheinpfälzer,
Rheinhessen und Schwaben, dann kamen mecklenburgische Bauern und
schwedische Pommern, auch fleißige Sachsen aus dem Kurfürstentum
fanden sich ein; endlich Evangelische aus den österreichischen
Gebirgsländern.
Jedenfalls war die größere Zahl der Bauern dieser Dörfer neu
zugewandert. Die Taufe der neu erstandenen Dörfer erfolgte auf die
einfachste Weise: Nach den Namen von Ministern, Generalen und
Erbgesessenen, die sich irgend ein Verdienst um die Heimat erworben
hatten. Da entstanden Blumenthal, Kattenhof, Podewilshausen,
Soccejendorf, Rotenburg, Forkadenberg, Schmalzenthin und andere. Der
König war mit allem zufrieden, ihm war die Hauptsache, dass die Dörfer
dastanden, mit eingezäunten Gehöften, mit Schulhäusern, Kirchen und
Friedhöfen, dass dort gearbeitet, geheiratet, geboren und gestorben
werden konnte; wie so ein Dorf benannt wurde, war ihm gleich, der Name
ihm Schall und Rauch. "dass je simpler solche Namen seien, je besser es
damit sein wird."
Die Volkszahl der alten Lande stieg beträchtlich. In den vierzehn
Jahren von 1740 bis 1753 zählte man 400 000 Seelen Vermehrung. Ganz
Preußen hatte um jene Zeit vier Millionen Einwohner, Berlin 100 000,
Breslau und Königsberg etwas über 50 000, Halle 30 000, die Festungen
Magdeburg und Stettin waren noch zwischen 15- und 20 000 Einwohnern;
ungefähr 30 Prozent der Bevölkerung wohnte in den Städten, 70 Prozent
dagegen auf dem flachen Lande.
Aber über seiner rastlosen Arbeit mochte Friedrich die alte Liebe und
Sehnsucht nach Kunst und Wissenschaft nicht begraben. "Seit meiner
Kindheit," so hat König Friedrich sieben Jahre nach dem großen Krieg
geschrieben, "habe ich die Kunst, die Literatur und die Wissenschaften
geliebt, und wenn ich zu ihrer Verbreitung beitragen kann, so gebe ich
mich dem mit aller der Leidenschaft hin, deren ich fähig bin, weil es
in dieser Welt kein wahres Glück ohne sie gibt."
Der König hatte sich auf einer Anhöhe bei Potsdam ein Lustschloss bauen
lassen, das berühmte Sanssouci, oder Haus "Sorgenfrei". Allerdings
kann man nicht sagen, dass es für den König ein sorgenfreies Haus gab,
denn die Sorgen um Heer und Staat begleiteten den Herrscher auf
Schritt und Tritt. Aber wenigstens konnte er sich seine freien Stunden
so gestalten, wie er es liebte. Uns Nachgeborenen erscheint dies
hübsche Terrassenschlösschen vom König Friedrich unzertrennlich. Aber
auch schon für die damaligen Mitwelt gehörten Friedrich und Sanssouci
eng zusammen. Hier sammelte der König einen Kreis von Männern um sich,
die ihn zusagten, wie einst im schloss zu Rheinsberg. Der Feldmarschall
Jakob Keith, den Friedrich aus russischem Dienst übernommen hatte, und
der in einem sehr schönen Verhältnis zum Könige stand, schrieb in
jener Zeit an seinen Bruder:
"Ich habe jetzt die Ehre, und was noch mehr ist, das Vergnügen, bei
dem Könige in Potsdam zu sein. Ich genieße hier die Auszeichnung, fast
täglich mit ihm zu Mittag und zu Abend zu speisen. Er hat mehr Geist
und Witz, als dass ich mit dem meinen es schildern könnte, und spricht
über die verschiedensten Dinge gründlich und sachkundig. Er hat eine
Anzahl Leute, mit denen er ganz ungezwungen, fast wie ein Freund
verkehrt, aber seinen Günstling; dazu eine natürliche Höflichkeit
gegen seine ganze Umgebung. Dafür, dass ich erst vier Tage um ihn bin,
mag es Euch scheinen, als ob ich von seinem Charakter schon recht viel
zu wissen beanspruche; darauf aber könnt Ihr Euch verlassen, wenn ich
Euch sage: nach längerer Zeit werde ich genau so viel von ihm wissen,
als er mich wissen lassen will, und sein ganzes Ministerium weiß nicht
mehr."
Auch der berühmte Voltaire fand sich in diesem Kreise ein. Von ihm
besitzen wir ebenfalls einen Brief, den er an den französischen Herzog
von Richelieu richtete, in welchem sich die folgende begeisterte
Schilderung der Persönlichkeit Friedrichs findet:
"Ich komme in Potsdam an, die großen blauen Augen des Königs, sein
holdseliges Lächeln, seine Sirenenstimme, seine fünf Schlachten, sein
ausgesprochenes Gefallen an der Zurückgezogenheit und der Arbeit, an
Versen und an Prosa, endlich Freundlichkeiten, um den Kopf schwindeln
zu lassen, eine entzückende Unterhaltungsgabe, Freiheit, in Verkehr
volles Vergessen der Majestät, tausend Aufmerksamkeiten, die schon von
Seiten eines Privatmannes bestricken würden ? alles das hat mir den
Verstand verrückt: ich ergebe mich ihm aus Leidenschaft, aus
Verblendung, und ohne zu vernünfteln ..... So lebe ich seit einem
Jahr."
Es fanden sich in dem König und in Voltaire eben zwei bedeutende
Geister, die sich in ihren literarischen Bestrebungen gewissermaßen
ergänzen. "Ich genieße die Freude, dem Könige in seinen Studien
nützlich zu sein," schrieb Voltaire, "und schöpfe daraus neue Kräfte,
meine eigenen zu fördern."
Die Wechselwirkung, welche die beiden bedeutenden Männer aufeinander
ausübten, war außerordentlich. Friedrich fühlte sich zur literarischen
Tätigkeit ständig angeregt, und jene Jahre sind seine fruchtbarsten
Schriftstellerjahre gewesen. Und Voltaire schuf in jener Potsdamer
Zeit "die Geschichte des Zeitalters Ludwigs XIV.", eine seiner
bedeutendsten Arbeiten, von welcher er erklärte, dass er in Frankreich
nie die Kraft dazu gefunden haben würde.
Schon glaubte der geistreiche Franzose eine dauernde Statt am Hofe
Friedrichs des Großen gefunden zu haben, als er sich doch durch sein
Betragen, seine mehr als schmutzige Geldgier, seine Nachsucht
unmöglich machte. Mit Recht durfte Friedrich dem Voltaire die Worte
schreiben: "Ihre Werke verdienen, dass man Ihnen Bildsäulen errichte;
Ihr Betragen aber verdient die Galeere." ? Später, während des
siebenjährigen Krieges, begann dann wieder ein Briefwechsel zwischen
dem Könige und Voltaire, der Friedrich in seinen einsamen Stunden
Anregung gab, denn dem Könige waren von jeher Geist und Witz die Würze
des Lebens, und er musste diese seltenen Eigenschaften hernehmen, wo er
sie fand. Ohne dass er sein Urteil über die menschliche Persönlichkeit
Voltaires änderte, blieb ihm der Schriftsteller und Dichter ein Mann
von Großer Bedeutung.
In diesen Jahren von Sanssouci, in welchen Friedrich mit großem Fleiße
der Schriftstellerei oblag, ist viel Wertvolles aus seiner Feder
geflossen; so das Werk über die "General Prinzipien vom Kriege",
welches in seinen Grundzügen noch heute gültig ist und gewissermaßen
als eine militärische Bibel gelten kann. Auch sein "politisches
Testament" verfasste der König. Bis heute sind aus diesem Werke nur
Auszüge an die Öffentlichkeit gelangt, aber das, was kund geworden
ist, wird mit Recht als eine der großartigsten Offenbarungen
staatsmännischen Geistes gepriesen. Vor allem leuchtet aus diesem
"politischen Testament" die hohe Auffassung hervor, die Friedrich von
seinem Königsamte hatte. "Ein Fürst," so lautet eins seiner
berühmtesten Worte, "ist der erste Diener seines Staates und gut
bezahlt, um die Würde seiner Stellung aufrecht zu erhalten. Aber man
verlangt von ihm, dass er nachdrücklich zum Wohle des Staates arbeite
und die wichtigsten Dinge mit Ernst betreibe." ?
Und diese Richtschnur hat Friedrich vom ersten tage seines
Regierungsantrittes, bis er in Sanssouci die müden Augen schloss,
festgehalten. Offen hat unter der Last seines schweren Amtes der König
ausgesprochen, dass er mit Leib und Seele Schriftsteller sei, und dass
ihn literarische Arbeiten mehr erfreuten als eine andere Tätigkeit;
aber niemals würde er den amtlichen Geschäften darum seine
Aufmerksamkeit entziehen, denn er sei dazu geboren, sie zu
vollbringen. Wohl kam ihm einmal der Gedanke, dass es schön für ihn
sein würde, in der Stille seines Studienzimmers als Privatmann zu
leben, aber mit raschem Ruck schüttelte er solchen Gedanken ab: "Ich
habe ein Volk, das ich liebe, ich muss die Last tragen, welche auf mir
liegt, ich muss an meiner Stelle bleiben!"
Hier sei auch ein Wort über die religiöse Stellung des großen Königs
gesagt, über welche so manches Unverantwortliche von jeher verbreitet
worden ist. Wir hörten schon von ihm selbst, dass in seinem Staate jede
Religion und jede Konfession geduldet werden sollte. Mag hier ein Wort
hinzugefügt werden, das der große Geschichtsschreiber Leopold von
Ranke über Friedrichs religiöse Stellung gesprochen hat: "Wir kennen
sein Schwanken zwischen der Annahme eines blinden Geschickes und einer
allwaltenden Vorsehung, und wie er in den großen Entscheidungen auf
die letzte zurückkam. Meistenteils schien es ihm doch, dass alles ein
nicht aufzulösendes Rätsel bleibe, wenn man nicht eine Vorsehung
voraussetzte, die das Weltgeschick zu einem großen Ziele leite. Nur in
einem Punkte war er unerschütterlich; er fuhr auf, wenn jemand im
Gespräche seinen Glauben an einen lebendigen Gott bezweifelte; die
populären Beweise für das Dasein Gottes, besonders den von der weisen
Ordnung in der Natur hergenommenen, wiederholte er mit dem vollsten
Ausdruck der Überzeugung. "Ich kenne Gott nicht, aber ich bete ihn
an."
Nie vergaß der König einen Augenblick, dass sich sein junger
Königsstaat noch auf das Schwert stützen musste. Friedrich hatte in den
beiden ersten schlesischen Kriegen eingesehen, dass es doch nicht
leicht sei, eine so gewaltige Macht wie das österreichische Erzhaus zu
Boden zu ringen. So galt es, das Schwert blank und das Heer auf der
Höhe zu erhalten. Ein König von Preußen musste Soldat sein, musste sein
eigener Oberfeldherr sein, und was der König von sich verlangte, das
verlangte er auch von seinen Offizieren. Stieß er auf Fehler und
Ungehorsam, auf Nachlässigkeit, so war Friedrich erbarmungslos, und
die Tage der Truppenrevuen waren im ganzen Lande Preußen gefürchtet.
"Da stiegen allerorten die Wünsche von Frauen, Kindern, Verwandten und
Freunden mit Inbrunst zum Himmel, dass ihre Männer und Söhne in diesen
fürchterlichen drei Tagen nicht unglücklich werden möchten." Friedrich
hatte den Grundsatz, dass er im Heere keine Offiziere ernähren wollte,
die ihren Dienst nicht mit der gehörigen Promptheit verrichteten.
Ein Leutnant galt im übrigen mehr bei dem König, als ein Kammerheer,
und in den Kreisen des Adels hieß es wohl: "Königsbrot ist immer das
beste." Der König aber erkannte die Leistungen seiner Offiziere und
Soldaten mit offenen Worten an. "In unserem Staate," schrieb er, "ist
es eine Ehre, mit der Blüte des Adels und der Nation an der Festigung
der Disziplin zu arbeiten, die den Ruhm des Vaterlandes aufrecht
erhält und es im Frieden Achtung gebietend, im Kriege siegreich
macht." ? Ständig auf der Wacht vor Feinden, oder wie Friedrich selbst
sagt "mit einem Fuß im Steigbügel" ging die militärische Ausbildung
ihren strammen Weg. Um das Jahr 1753 standen bereits rund 140 000
Soldaten unter den Waffen, oder konnten doch jeden Augenblick
einberufen werden, alles gut geschulte, tapfere und zum großen Teil
kriegserprobte Leute. Den größten Teil stellten Landeskinder der
preußischen Lande, deren Dienstzeit damals zwanzig Jahre betrug, d.h.
sie wurden im Durchschnitt nur einige Monate jährlich zur Fahne
eingezogen und konnten den übrigen Teil des Jahres ihrem Gewerk, ihrer
Arbeit nachgehen, so dass sie dem Leben nie fremd wurden.
Sehr stark war natürlich noch die Zahl der Angeworbenen. Die Fahnen
des Königs von Preußen waren siegreich und hatten eine starke
Werbekraft und so liefen denn aus dem Auslande viele dem Kalbsfelle
nach, die schon in anderen Ländern gedient hatten. Die meisten von
ihnen waren tapfer und verkauften ehrlich ihre Haut. Allerdings so
zuverlässig wie die geborenen Landeskinder waren sie längst nicht.
Diese geborenen Brandenburger, Preußen, Pommern, sie bildeten immer
den Kern des Heeres, und von solchen Regimentern durfte der tapfere
Moritz von Dessau getrost sagen: "Ew. Majestät können dem Regiment
Szepter und Krone anvertrauen: wenn die vor dem feinde laufen, so mag
ich auch nicht bleiben." So konnte Friedrich, gestützt auf ein
zahlreiches, fest gefügtes Heer, wie es keine andere macht Europas auch
nur annähernd besaß, in seinem "politischen Testament" wohl die Worte
niederschrieben: "Wenn die Ehre des Staates Euch zwingt, den Degen zu
ziehen, dann falle auf Euere Feinde der Blitz und der Donner
zugleich."
Es war im Jahre 1756, als die Ehre des Staats dem großen Könige den
Degen in die Hand zwang. Der österreichische Minister Graf Kaunitz,
die rechte Hand der Kaiserin Maria Theresia, hatte es fertig gebracht,
ein Bündnis mit Russland und Sachsen und später auch mit Frankreich zu
schmieden, welches bestimmt war, den König Friedrich zu Boden zu
werfen, Schlesien für Österreich zurück zu gewinnen und auch einen Teil
der übrigen brandenburgischen Lande zur guten Beute für die
verbündeten Mächte zu machen. "Mit Gottes Hilfe," meinte Graf Kaunitz,
"werden wir dem hochmütigen Könige soviel Feinde auf den Hals ziehen,
dass er darunter erliegen muss!" ? Ganz in der Stille war dies Bündnis
vorbereitet, und plötzlich gedachten die Feinde Friedrichs
loszubrechen. Aber der König, rechtzeitig von allen Ränken seiner
Gegner unterrichtet, kam ihnen zuvor. "Wenn unsere Feinde," schrieb
Friedrich seinem um die Zukunft besorgten Bruder, "uns nötigen, Krieg
zu führen, so muss man fragen: Wo sind sie? und nicht: Wie viele sind
ihrer? ? Ich bin unschuldig an diesem Kriege. Ich habe getan, was ich
konnte, ihn zu vermeiden, aber so groß meine Friedensliebe sein mag,
niemals darf ich ihr meine Sicherheit und meine Ehre preisgeben." ?
So zog König Friedrich in jenen Krieg, der sieben Jahre währen sollte
und aus welchem er nach unerhörten Siegen, gegen das halbe Europa im
Felde stehend, so glorreich und aufrecht hervorgehen sollte.
Gleich die ersten Ereignisse des Krieges waren Prankenschläge des
preußischen Löwen, welche eine Welt in Erstaunen setzten. Im Herbst
1756 wurden die sächsischen Truppen, 20 000 Mann stark, im Lager von
Pirna eingeschlossen und ausgehungert. Ein österreichisches Heer unter
dem Feldmarschall Graf Browne, das aus Böhmen zur Entsatz anrückte,
wurde bei Lowositz aufs Haupt geschlagen. Ohne Rücksicht auf seine
Person setzte sich Friedrich dem feindlichen Feuer aus, und auf die
Warnungen entgegnete er achselzuckend: "Ich bin nicht hier, um die
Kugeln zu vermeiden." ? gewiss erkannte der König, dass es sich für ihn
um Sein oder Nichtsein handelte in diesem Kriege. "Es ist also mit
unseren Umständen kein Kinderspiel," schrieb er seinem getreuen
General von Winterfeldt, "sondern es gehet auf Kopf und Kragen. Indes
mein Entschluss ist auf alle Fälle gefasst, und ich werde mich bis auf
den letzten Mann wehren." ?
Für der Fall, dass er gefangen werde, bestimmte König Friedrich
ausdrücklich und machte seine sämtlichen Generale und Minister mit dem
Kopfe dafür verantwortlich, dass man für seine Freigabe weder eine
Provinz noch Geld anbiete, sondern dass man den Krieg tatkräftig
fortsetzte, als wäre er nie auf der Welt gewesen.
So stieg das große Jahr 1757 herauf. Der glänzende Sieg von Prag (6.
Mai 1757) eröffnete den Feldzug. Hier fiel des Königs berühmter
Feldmarschall Graf Schwerin. Als seine Regimenter wankten, stellte
sich der alte siebzigjährige General an die Spitze, ergriff die Fahne
und führte die Seinen mit dem Rufe: "Vorwärts, meine Kinder!" gegen
den Feind. Fünf Kartätschenkugeln durchbohrten ihn. Das schwarzweiße
preußische Fahnentuch deckte seinen sterbenden Körper.
König Friedrich warf die österreichische Armee nach einer schweren
Niederlage für dieselbe in die Festung Prag hinein.? Dann brach er
auf, um den heranrückenden General Graf Daun zu schlagen. Aber die
Schlacht von Kolin (18. Juni 1757) wandelte sich wider Erwarten zu
einer Niederlage. Schon hatte Daun den Befehl zum Rückzug gegeben, als
der sächsische Reiteroberst Beukendorff auf seine eigene Faust eine
glänzende Kavallerieattacke machte, der die preußischen erschöpften
Bataillone nicht mehr standhalten konnten. In Verzweiflung sammelte
Friedrich um eine Fahne etliche 40 Mann, ließ die Trommeln schlagen
und führte diese Trümmer gegen eine feindliche Batterie. "Sire," rief
Major Grant, sein Adjutant, "wollen Sie die Batterie allein erobern?"
?
Es war eine schwere Niederlage für den König, und kaum hatte er sich
aufgerafft, als ihm die Kunde vom Tode seiner Mutter wurde. Die
königliche Frau hatte von jeher alles mit ihrem Sohne getragen, hatte
ihn stets die weiche Seite gezeigt und für ihn gesorgt, wie nur eine
Mutter sorgen kann. Der König, tiefster Empfindung fähig, war etliche
Tage fassungslos, dann aber riss er sich in der Verantwortung für den
Staat aus seinem Schmerze empor. Sein geschlagenes Heer flutete über
das Gebirge zurück. Sein Bruder Prinz August Wilhelm, der es führte,
zeigte nicht die Tatkraft und Entschlossenheit, die Friedrich von
seinem Bruder so gut wie von jedem seiner Generale erwartete. Und
derselbe König, der eben fassungslos vor Schmerz war um den Tod seiner
Mutter, musste jetzt in Erfüllung seiner Pflicht hart gegen diesen
Bruder sein, der doch wie er der Sohn jener Mutter war.
Furchtbar war das Gericht, welches den Prinzen und seine Generale
traf. "Da sah man die Prinzen und Generale zittern," sagte ein
Augenzeuge, "sie hätten sicher vorgezogen, eine Breche zu stürmen, als
vor den König zu treten." ? "In der Sache," sagt der
Geschichtsforscher Reinhold Koser, "hat Friedrich nur recht und
königlich gehandelt, wenn er im Gegensatze zur Schwäche so vieler
anderer Herrscher einen Anspruch hoher Geburt auf die Heerführung
nicht gelten ließ. Er war nicht zugunsten seines Fleisches und Blutes
voreingenommen, aber auch nicht zuungunsten. Denn, wenn er jetzt den
einen Bruder bei offenkundiger Unzulänglichkeit schnell wieder unter
die Masse schob, so hat er nachmals den anderen, Prinz Heinrich, der
echtes Verdienst bewährte, willig und dankbar als den hervorragendsten
aller seiner Truppenführer anerkannt."
Nun, ein Mann in der Lage des Königs Friedrich durfte weder trauern,
feiern, noch auch sich lange besinnen. Die Franzosen und Reichstruppen
rückten von Thüringen her an und es war not, ihnen entgegenzutreten.
Mit knapp 25 000 Mann rückte Friedrich der doppelt so starken Armee
von Feinden entgegen. Als der Herzog von Hildburghausen und der Prinz
Soubise, der Anführer der Franzosen und Reichstruppen, den Anmarsch
des Königs vernahm, zogen sie sich schleunigst zurück. Das Mahl, das
bereits im Schlosse zu Gotha für den französischen Herren bereitet
war, konnte König Friedrich mit seinen Generalen verzehren. Höflich
bat der König die Herzogin um "einen Teller Suppe." Einer der
Tischgenossen gibt ein fein gezeichnetes Portrait des großen Königs,
der ihm an der Tafel gegenüber saß: "Das Feuer der Helden, die
Bedachtsamkeit des Heerführers, die Verschlagenheit des Staatsmannes,
den Verstand des Weltweisen, den Geist des Dichters, den Ernst des
Gehorsam heischenden Herrn, die Artigkeit des Gesellschafters, den
Witz des Spötters: das alles fanden wir unserer Meinung nach in den
Zügen dieses Gesichts, in welchem ein Paar der schönsten blauen Augen
voll Glanz und Lebendigkeit, eine gerade, scharfe und wohl gebildete
Nase, ein überaus freundlicher und beim Sprechen von lauter Geist
umspielter Mund und selbst die zwei bedenklichen Linien zwischen den
Augen zusammen das regelmäßige und angenehmste Menschenantlitz ergab,
das man nur sehen kann."
Am 5. November 1757 um die Mittagszeit kam es zur Schlacht bei
Roßbach. Als Friedrich erkannte, dass die Feinde auf ihn anrückten, um
ihn zu umzingeln, war sein Entschluss sofort gefasst. Wie eine Theater
Dekoration verschwanden die Zelte des preußischen Lagers vor den Augen
der Feinde, und mitten im Anmarsch sahen sich diese angegriffen. Der
junge General von Seydlitz warf sich mit seinen Reitergeschwadern auf
die durch das Artillerie- und Musketenfeuer erschütterten feindlichen
Regimenter und brachte sie nach kurzem Reitergefecht zur Auflösung.
Alle Generale Friedrichs, Prinz Heinrich von Preußen, Prinz Moritz von
Dessau, Prinz Franz von Braunschweig taten ihr Bestes. "Vater, aus dem
Wege, dass wir schießen können!" riefen die Musketiere ihrem Könige zu,
der immer mitten im Getümmel war. Es war eine jammervolle Niederlage,
welche die Franzosen und Reichstruppen hier bei Roßbach erlitten.
"Wenn man meinte," schrieb der Herzog von Hildburghausen an den
Kaiser, "eine Schwadron oder ein Bataillon bei einander zu haben,
durfte nur eine einzige Stückkugel dazwischen fahren und alles lief
wie Schafe davon. Es war unser Glück, allergnädigster Herr, dass es
Nacht geworden, sonst wäre bei Gott nichts davongekommen." ?
Und ein deutscher Mitkämpfer oder vielmehr Mitläufer meinte bekümmert:
"Es dürfte kaum einen Streit geben, wer von den Deutschen und
Franzosen am geschwindesten gelaufen sei." Eine besondere Wertung für
diesen wundervollen Sieg von Roßbach hat der große englische
Geschichtsschreiber Macaulay gegeben: "Seit der Auflösung des Reiches
Karls des Großen hatte die germanische Rasse noch nie einen solchen
Sieg über die Franzosen gewonnen. Die Kunde davon rief einen Sturm der
Freude und des Stolzes hervor in der ganzen große Völkerfamilie,
welche in den verschiedenen Mundarten der alten Sprache des Arminius
redete. Friedrichs Ruhm begann einigermaßen den Mangel einer
gemeinsamen Regierung und einer gemeinsamen Hauptstadt zu ersetzen. Er
wurde ein einigender Mittelpunkt für alle echten Deutschen, ein
Gegenstand wechselseitiger Beglückwünschung für den Bayer wie für den
Westfalen, für den Bürger von Frankfurt wie für den von Nürnberg.
Damals erst wurde es offenbar, dass die Deutschen wirklich eine Nation
waren."
Aber kaum war in Thüringen die Aufgabe gelöst, als eine unglückliche
Wendung in den Dingen den König nach Schlesien rief. Sein tapferer
General von Winterfeldt war in einem Treffen bei Moys gefallen ? für
den König ein unendlich schwerer Verlust, den er nur schwer verwand.
"Gegen die Menge meiner Feinde," rief der König erschüttert aus,
"hoffe ich noch Rettungsmittel zu finden, aber nie wieder werde ich
einen Winterfeldt finden!" ? Noch in späteren Jahren seines Lebens
erinnerte sich der König mit Wehmut dieses seltenen Mannes. "Er war
ein guter Mensch, ein Seelenmensch, er war mein Freund!" ?
In Eilmärschen rückte Friedrich mit kaum 14 000 Mann Kerntruppen nach
Schlesien ab. Er war entschlossen, die Österreicher zu schlagen, "und
wenn sie auf dem Zobtenberge oder auf den Türmen Breslaus stünden."
Bald erreichte den König die Kunde, dass sein schlesischer Feldherr,
der Herzog von Bevern, vor Breslau eine schwere Niederlage erlitten
habe. Selbst diese Nachricht machte den König in seinem Entschluss
nicht wankend. "Er zeigte," wie sein getreuer Kabinettssekretär Eichel
berichtet, "gewiss und wahrhaftig eine Festigkeit, die fast
übernatürlich und, ohne Schmeichelei gesagt, eben nur ihm, dem Könige
selbst, ähnlich und eigen war."
Die Österreicher, denen der König in der Morgenfrühe des 5. Dezember
1757 entgegen zog, standen in fester Stellung über 70 000 Mann stark
bei dem Kirchdorfe Leuthen. Nur 30 000 Mann konnte Friedrich ihnen
entgegenführen.
Am Tage vorher hatte Friedrich, der sonst nicht für Reden war, seinen
Generalen seine berühmte Rede gehalten, um sie "in deutscher Redekunst
mit Kürze und Nachdruck bei ihrem Ehrgefühl zu packen." Da stand der
König im abgetragenen Waffenrock, den Ordensstern auf der Brust, von
den Strapazen gemagert, von den seelischen Qualen gealtert vor der
Zeit, und sprach mit seiner melodiösen, weichen Stimme Worte, die aus
einem großen Königsherzen kamen. Da war keiner unter den Generalen und
Offiziere, dem des Königs Worte nicht durch Mark und Bein gingen. "Wer
die preußische Sache verloren gäbe, der solle ungehindert seine Wege
gehen dürfen." Da brach es bei dem Major von Billerbeck aus, der rief:
"Das müsste ja ein insamer Hundsfott sein, jetzt wäre es Zeit!"
Lächelnd setze Friedrich seine Rede fort und endete: "Nun leben Sie
wohl, meine Herrn, in kurzem haben wir den Feind geschlagen, oder wir
sehen uns nie wieder."
Niemand empfand tiefer als der König, dass diese Schlacht einen Kampf
um Sein oder Nichtsein bedeutete. Während er bei der Vorhut ritt, rief
er einen Husarenoffizier zu sich heran: "Ich werde mich heute bei der
Bataille mehr aussetzen als sonst. Er soll sich fünfzig Mann nehmen,
um mir als Deckung zu dienen. Er verlässt mich nicht und gibt acht, dass
ich nicht der Kanaille in die Hände falle. Bleibe ich, so bedeckt Er
den Körper mit einem Mantel und lässt einen Wagen holen; Er legt den
Körper in den Wagen und sagt keinem ein Wort. Die Schlacht geht fort
und der Feind wird geschlagen." Der König hatte ein kurzes Testament
niedergeschrieben: "Er habe seinen Generalen alles befohlen, was für
den fall eines glücklichen oder unglücklichen Ausganges zu geschehen
habe," heißt es darin, und dann: "Was schließlich mich angeht, so will
ich in Sanssouci begraben sein, ohne Gepräge und Pomp und bei Nacht."
Der König zieht parallel der österreichischen Front mit seiner Armee
dahin, scheint nicht angreifen zu wollen. "Sie paschen ab, " sagt
Leopold Daun, "die guten Leute, lassen wir sie in Frieden ziehen!"
Dann aber kommt plötzlich um die Mittagszeit von Sagschütz, dem
österreichischen linken Flügel, die Kunde, dass der König angreift.
Friedrich hat den Angriff selbst geleitet. Er reitet bei dem Regiment
Meyerinck: "Junker von der Leibkompagnie, sieht er wohl, auf der
Berhack soll er zumarschieren; er muss aber nicht zu stark avancieren,
damit die Armee folgen kann." Mit Wucht wirft Friedrich seine
Bataillone gegen den Kiefernberg von Sagschütz. Es war etwas
Unwiderstehliches in dem Angriff der Preußen. Selbst einen Moritz von
Dessau haben die Bataillone Meyerinck und Itzenplitz genug getan.
"Burschen, Ehre genug für heute, geht zurück ins zweite Treffen!" Aber
wütend dröhnt es dem Führer entgegen: "Da müssten wir ja Hundsfötter
sein, Patronen her, Patronen her!" Als am Kirchhof von Leuthen der
Sturm zu stocken scheint, springt der Hauptmann von Möllendorf gegen
das Kirchhofstor und brüllt: "Hier gibt es kein Bedenken, einen
anderen Mann her!" Das dritte Bataillon Garde folgt und der Kirchhof
wird reingefegt. Als sich die Dämmerung senkt, ist Friedrich Herr der
Wahlstatt.
Als die Dunkelheit völlig hereinbrach, lagerte sich die preußische
Armee, Gewehr im Arm, auf den Feldern zur Rechten und Linken der
Landstraße nach Lissa, hinter sich die blutige erkämpfte Wahlstatt.
Aber der König selbst gönnte sich noch keine Ruhe. Er wollte sich noch
in dieser Nacht des Marktfleckens Lissa und der jenseits desselben
liegenden Weistitzbrücken bemächtigen, damit der Feind sich dort nicht
von neuem festsetze.
Im Flecken Deutschlissa war alles still, doch die Zimmer noch alle
hell erleuchtet. Als der König, vor den Grenadieren reitend, sein
Gefolge zu beiden Seiten neben sich, auf dem geräumigen Platze vor dem
Schlosse, etwa sechzig bis achtzig Schritt vor der Brücke, welche
über das Schweidnitzer Wasser führt, ankam, sah man aus einigen
Häusern Weißröcke mit Strohbündeln ankommen. Auch wurde aus den
Häusern geschossen. Die Grenadiere drangen mit dem Bajonett ein und
säuberten die Häuser vom Feind. In dieser Verwirrung, wo jeder sich zu
retten suchte, alles schrie und durcheinander kommandierte, verlor der
König keinen Augenblick seine Ruhe. In seiner Umgebung gewandt, sprach
er: "Messieurs, folgen Sie mir, ich weiß hier Bescheid." Er ritt links
über die Zugbrücke, die zum Schlosse führte, während seine Adjutanten
ihm folgten. Der König stieg vom Pferd, gab seinem Gefolge einen Wink
und benutzte links von der Schlossbrücke eine kleine Steintreppe, die
zu einer ihm bekannten Tür der Wirtschaftsräume führte.
Er durchschritt schnell die Küche und gewann eine Wendeltreppe, die im
Innern des Schlosses auf den großen Korridor mündete. Dort oben
rannten österreichische Offiziere mit Leuchtern durcheinander, den das
lebhafte Schießen draußen hatte sie aufgeschreckt. "Bon soir,
Messieurs!" sagte der König mit höflichen Gruße den Hut hebend, "gewiss
werden Sie mich hier nicht vermuten! Kann man hier denn auch noch
unterkommen?" Verblüfft und erschrocken beeilen sich die
abgeschnittenen österreichischen Herren, dem König zu leuchten und
führen ihn in den großen Speisesaal, wo ihrer noch mehrere sind, die
alle statt von ihren Sitzen aufspringen, als plötzlich der Gewaltige
vor ihnen steht, der ihnen heute gezeigt hat, was ein König von
Preußen mit seiner Wachtparade mag. Der König aber richtet, als sei
nichts geschehen, mit der ihm eigenen feinen Höflichkeit an einige der
Herren freundliche Worte und beurlaubt dann die überraschte Schar in ?
die Gefangenschaft.
Als man bei der preußischen Armee die Kanonade und das Schießen von
Lissa her hörte, gab es kein Halten mehr: das ganze treue Heer folgte
sofort seinem König. Als die siegreichen Kolonnen in festem Tritt über
die gefrorene Landstraße in der tiefen Dunkelheit der Nacht
dahin gezogen, stimmte plötzlich ein Grenadier mit hellem Tenor das
weihevolle Lied: "Nun danket alle Gott" an und all die Tausende
stimmten ein in den feierlichen Choral.
"Wie aus tiefem Schlafe erwacht," schreibt ein preußischer Offizier in
seinem Erinnerungen über diesen großen Augenblick, "fühlte sich jetzt
jeder zum Danke gegen die Vorsehung für seine Erhaltung hingerissen,
und mehr als fünfundzwanzigtausend Menschen sangen diesen Choral
einstimmig bis zu Ende. Die Dunkelheit der Nacht, die Stille
derselben, und das Grausen eines Schlachtfeldes, wo man fast bei jedem
Schritt auf eine Leiche stieß, gaben dieser Handlung eine
Feierlichkeit, die sich besser empfinden ließ, als sie beschrieben
werden kann. Selbst die auf der Wahlstatt liegenden Verwundeten, die
bisher die Gegend mit ihrem Wehklagen erfüllt hatten, vergaßen ihre
Schmerzen, um Anteil an diesem allgemeinen Opfer der Dankbarkeit zu
nehmen. Eine erneute innere Festigkeit belebte jetzt den durch so
viele Anstrengungen erschöpften Krieger, ein lauter Jubel ertönte aus
aller Munde, und als gleich darauf das heftige Kanonenfeuer von Lissa
her hörbar wurde, wollte es einer den andern an Geschwindigkeit
zuvortun, seinem König beizustehen."
Bald sammelten sich die Generale und Stabsoffiziere im schloss. Als der
König zu ihnen trat, um die Parole auszugeben, rief er heiter aus:
"Nach einer so getanen Arbeit, meine Herren, ist gut ruhen. Dieser Tag
wird den Ruhm Ihres Namens und den der Nation auf die spätere Nachwelt
bringen." Einer der Herren machte gesprächsweise die Bemerkung, dass
die Österreicher kaum noch eine so prahlerische Sprache über die
Potsdamer Wachtparade führen würden, als wenige Tage zuvor. Lächelnd
antwortete die Majestät: "Ich vergebe ihnen ihre Dummheiten, die sie
gesagt haben, zugunsten derer, die sie heute gemacht haben."
Als der König am Abend der Schlacht in der Dämmerung über das Feld
ritt, rings die Verwüstung sah und das Stöhnen zerschossener Menschen
hörte, wurde vor der furchtbaren Notwendigkeit seine große Seele
weich, und er rief aus: "Wann werden meine Qualen sich enden?" Über
eintausendzweihundert Mann seiner treuen Truppen lagen tot auf der
Wahlstatt, darunter neunundfünfzig Offiziere. Über fünftausend waren
leicht und schwer verwundet. Die Regimenter Markgraf Carl und Pannwitz
büßten ein jedes über siebenhundert Mann ein, die beiden Bataillone
Garde fünfhundert Mann. Fast vierfach so hoch waren die Verluste der
österreichischen Armee. Sie verlor zusammen mit ihren bayrischen,
württembergischen und sächsischen Hilfstruppen wenigstens zehntausend
Tote und verwundete. Außerdem blieben dreizehntausend Gefangene,
vierundfünfzig Fahnen und Standarten und einhunderteinunddreißig
Geschütze in den Händen der Sieger. Auf den Feldern bei Leuthen zeigt
man heute noch die Stellen der gewaltigen Massengräber, wo Freunde und
Feinde zur gemeinsamen Ruhe verscharrt wurden. Nach Menschenaltern
noch warf der Pflug des friedlichen Landmannes häufig Gebeine, Münzen,
Skapuliere, Kugeln und Kartätschensplitter aus der Erde auf. Einige
dieser Reliquien sind in den Sockel der Siegessäule versenkt, die seit
dem Jahre 1854 den Schönberg bei Heidau schmückt.
Aber selbst nach diesem glänzenden Siege sollte König Friedrich noch
fast fünf lange Jahre gegen seine Feinde stehen. Und mit jedem
Feldzuge erneuerten sich für ihn die Schwierigkeiten. Mit jedem
Feldzuge wurde es schwerer, Geld zu schaffen und Soldaten. Im Laufe
dieser Jahre folgte eine Schlacht der anderen. Glänzende Siege, die
des Königs kriegerisches Genie im hellsten Glanze strahlen ließen, und
wiederum Niederlagen, teils durch die Umstände, teils durch die
geringe Schätzung des Königs für die feindlichen Generale
herbeigeführt. ? Bei Zorndorf (25. August 1758) griff Friedrich die
Russen an, welche zäh standhielten. Es gab ein fürchterliches Morden.
Die hartnäckigen Moskowiten ließen sich niederhauen, wo sie standen,
als Seydlitz mit seinen Schwadronen gegen sie hereinbrach und ihren
rechten Flügel zersprengte. Sie klammerten sich an ihre Geschütze und
ließen nicht los, bis man ihnen Finger und Hände zerhackte. Sie
schossen in ihrer Betrunkenheit, denn man hatte sie reichlich mit
Branntwein versehen, auf Freund und Feind. Hier offenbarte sich
Seydlitz als der geborene Kavalleriegeneral, "der jene
Entschlossenheit besaß, welche die Gunst des Augenblicks sicher zu
ergreifen verstand." ? War dieser Tag von Zorndorf ein Sieg, den von
Hochkirch sechs Wochen später wurde zur schweren Niederlage. Der König
wusste wohl, dass er bei Hochkirch dem Feinde gegenüber ein nicht
genügend gesichertes Lager innehabe, aber er traute seinen alten
Gegner Daun keine Entschlusskraft zu.
Warnend sagte der Feldmarschall Keith zum Könige: "Lassen die Feinde
uns hier in Ruhe, verdienen sie gehängt zu werden." ? "So wollen wir
hoffen," meinte Friedrich trocken, "dass sie sich mehr vor uns, als vor
den Galgen fürchten." ? Aber Graf Daun fand seine Stunde in der Nacht
zum 14. Oktober und veranstaltete mit gutem Geschick einen Überfall
auf das preußische Lager. Es kam zu einem Verworrenen, blutigen
Nachtgefecht, zu dem elf Dörfer als Leuchtfackeln loderten. Der König
warf den Angreifern seine Kernbataillone entgegen: Forcade,
Itzenplitz, Prinz von Preußen. Feldmarschall Keith sank von einer
Stückkugel zerrissen. Die Österreicher fanden ihn später völlig nackt
auf der Wahlstatt. Prinz Franz von Braunschweig, der Königin jüngster
Bruder, fiel zu Tode getroffen. Moritz von Dessau wurde der Unterleib
zerrissen, er kam in österreichische Gefangenschaft. ? Die Verluste
für Friedrich waren bitter. Aber dann raffte er sich auf und zeigte
seinen Truppen die größte Ruhe. "Kanoniere, wo habt Ihr Eure Kanonen
gelassen?" ? "Der Teufel hat sie bei Nacht geholt, Majestät!" ? "So
wollen wir sie bei Tage ihm wieder abnehmen." ?
Wenige Tage nach dieser furchtbaren Niederlage kommt die Nachricht vom
Tode der geliebten Schwester Wilhelmine zu Bayreuth. In dumpfen
Schmerz entgegnet Friedrich: "Ich habe keine Zeit, den Tod meiner
Schwester zu beweinen. Die Menge meines Unglücks stumpft schließlich
die Empfindung ab und ich glaube, es könnte der Himmel die Erde
erdrücken und der Boden unter meine Füßen einsinken, ohne dass ich es
achten würde." ?
Und dennoch denkt der König nicht an Frieden. Sein Stolz lässt es nicht
zu, als ein Bittender zu erscheinen. "Ich bin stumm wie ein Karpfen;
wenn die Franzosen oder Österreicher oder Russen mir etwas zu sagen
haben, so haben sie nur zu sprechen. Ich für mein Teil beschränke mich
darauf, sie zu schlagen und zu schweigen." ?
Der Tag von Kunersdorf (2. August 1759) brachte die schwerste
Niederlage des Königs im siebenjährigen Kriege. Friedrich griff die
durch ein Österreichisches Heer von 20 000 Mann unter dem tüchtigen
General Laudon verstärkten Russen an. Der Anfang der Schlacht war
glänzend. Schon sandte der König Kuriere mit der Siegesnachricht nach
Berlin, aber das Ende des Tages war fürchterlich. Als man den König
beschwor, sich nicht so sehr den Kugeln auszusetzen, sagte er kurz:
"Wir müssen hier alles versuchen, um die Bataille zu gewinnen, und ich
muss hier wie jeder Andere meine Schuldigkeit tun." ? Der Ausgang
dieser Schlacht hatte das Gemüt des Königs schwer verdüstert. Er
glaubte den Untergang seines Vaterlandes vor sich zu sehen und war
entschlossen, diesen Tag nicht zu überleben.
Man sah Friedrich in der Nacht in einer Bauernhütte auf einem Bund
Stroh tief schlafend, vor der Tür eine Schildwache. Aber kaum 24
Stunden dauerte die seelische Stimmung des Königs, dann schnellte sein
hoher Geist wieder mit der gewohnten Spannkraft empor. Ein Wunder
erschien es ihm, dass die Russen trotz ihres Sieges nichts unternehmen;
aber deren Feldherr, der Fürst Ssaltykow, tat einen merkwürdigen
Ausspruch. "Noch eine solche Schlacht," klagte er, "und ich könnte mit
einem Stocke in der Hand nach St. Petersburg wandern." ?
So wogte das Glück der Schlachten hin und her. Schon glaubten um die
Mitte des August 1760 die Österreicher, als sie das Marschlager des
Königs bei Liegnitz von drei Seiten eingeschlossen hatten, ihrer 90
000 gegen 30 000 Preußen, den König im Sack zu haben. "Der Sack sei
aufgemacht, man brauche ihn nur zuzuschnüren, um den König mit seiner
Armee zu fangen," so scherzte man im österreichischen Lager. "Sie
haben so unrecht nicht," sagte Friedrich lächelnd, als er dies hörte,
"aber ich denke ihnen ein Loch in den Sack zu machen." ?
Und so schlug Friedrich in der Nacht zum 14. August die glänzende
Schlacht von Liegnitz. Hier zahlte er dem General Laudon die Schuld
von Kunersdorf heim, den Laudon hatte den Sieg von Kunersdorf
entschieden. Das Regiment Anhalt hatte sich hier bei Liegnitz
besonders ausgezeichnet. Es erhielt seine Huttressen und Seitengewehre
wieder, die es im letzten Feldzuge durch einen Befehl des Königs
eingebüßt hatte. "Wohl, Kinder," rief der König den Grenadieren zu,
die ihn darum baten, "Ihr sollt sie wieder haben und alles soll
vergessen sein! Ihr habt brav gefochten, Burschen!" ? Worauf ein
alter, lang gedienter Grenadier treuherzig erwiderte: "Wie sollten wir
nicht? Wir kämpfen ja für den König und für das Vaterland!" Niemals
konnte Friedrich diese Episode erzählen, ohne das die Rührung über ihn
kam.
Mit hoher Bewunderung muss uns Nachgeborene die gewaltige
Entschlusskraft, die in diesem großen Könige wohnte, stets erfüllen.
Wohl hatte Friedrich, wie nach Kunersdorf und bei vielen anderen
Misserfolgen und Schlägen des siebenjährigen Krieges, seine gebeugten
Stimmungen, wie sie jeder Mensch hat; aber das eben ist das
Bewundernswerte an diesem Könige, dass er sich aus allen Tiefen
aufraffte und mit stählerner Spannkraft zu neuen Taten schritt. Es
sind eherne Worte, die Friedrich in jenen Tagen an seinen Freund, den
gelehrten d'Argens, nach Berlin schrieb:
"Niemals werde ich den Augenblick erleben, der mich zwingen soll,
einen unehrenhaften frieden zu schließen; keine Überredung, keine
Beredsamkeit können mich dahin bringen, meine Schande zu
unterzeichnen. Entweder werde ich mich begraben lassen unter den
Trümmern meines Vaterlandes, oder, wenn dem Unglück, das mich
verfolgt, diese Tröstung noch zu süß erscheint, so werde ich selber
meinen Leiden ein Ziel setzen, wenn es nicht mehr möglich sein wird,
sie zu ertragen. Ich habe gehandelt und werde zu handeln fortfahren
nach dieser inneren Stimme und dem Ehrgefühl, die alle meine Schritte
lenken; mein Verhalten wird zu jeder Zeit mit diesen Grundsätzen
übereinstimmen. Nachdem ich meine Jugend meinem Vater, mein reiferes
Alter meinem Vaterlande geopfert habe, glaube ich das Recht erworben
zu haben, über mein Alter frei zu bestimmen. Ich habe es Ihnen gesagt
und wiederhole es: nie wird meine Hand eine demütigenden Frieden
unterzeichnen. Und so will ich die beenden: entschlossen, alles zu
wagen und die verzweifeltsten Dinge zu versuchen, um zu siegen oder
ein Ende mit Ruhm zu finden."
Wenige Tage nach diesem Briefe kam es zu der Schlacht von Torgau, da
sich der General Graf Daun mit 62 000 Mann hier aufgestellt hatte, zur
Schlacht bereit. Friedrich konnte nur zwei Drittel dieser Macht den
Feinden entgegenführen. Es war eine furchtbare Schlacht, und der
Kanonendonner so stark, das selbst König Friedrich einem General
zurief: "Haben Sie je eine gleiche Kanonade gehört?" ? Die ersten
Angriffe werden von den Österreichern glatt abgeschlagen. Der König
setzt seine Person aus, wie er es stets zu tun pflegt. Da trifft ein
Kartätschensplitter seine Brust, er sink betäubt zusammen. Die
Adjutanten reißen seine Kleider auf, aber zum Glück haben Mantel und
Rockfutter die Wirkung des Geschosses geschwächt. "Es ist nichts,"
sagt der König und befiehlt, was zu befehlen ist. Endlich greift
Zieten von Süden her an und nun belebt sich die Wucht des Angriffes
auf der Seite des Königs von neuem. Der Sieg neigt sich auf die Seite
der Preußen, und in später Abendstunde des November darf Friedrich auf
die Altarstufen einer Dorfkirche die Siegesnachricht auf ein Blatt
Papier schreiben. Auf einem Bund Stroh, das man ihm geschüttet hat,
bringt der König die Nacht zu.
So raffte sich der König stets wieder zu glänzenden Siegen auf, aber
dennoch glaubte er, dass er schließlich der Übermacht seiner Feinde
erliegen müsse. Allerdings trat bei diesen allmählich eine
Kriegsmüdigkeit ein. Die Franzosen ließen durch ihren Gesandten
erklären, dass ihr König den Krieg nicht fortsetzen würde. "Wir haben
kein Geld, keine Hilfsmittel, keine Marine, keine Soldaten, keine
Generale, keine Minister." ? Aber Maria Theresia war noch immer
hartnäckig. Zu groß war die Trauer um das verlorene Schlesien, zu
lebhaft ihr Wunsch, es zurück zu gewinnen.
Unter den ständigen Strapazen des Krieges war König Friedrich früh
gealtert. "Dies ganze Treiben," schreibt er an die Gräfin Camas, eine
mütterliche Freundin aus seinen Jugendtagen, "dieser unaufhörliche
Wirrwarr haben mich alt gemacht, dass Sie Mühe haben würden, mich
wieder zu erkennen. An der rechten Seite ist mein Haar ganz grau, meine
Zähne brechen ab und fallen aus, mein Gesicht hat Runzeln gleich den
Falten eines Weiberrocks, Mein Rücken ist gekrümmt, wie ein Bogen und
mein Sinn traurig und niedergeschlagen, wie ein Trappistenmöch. Ich
bereite Sie auf alles das vor, damit Sie nicht, falls wir uns je in
Fleisch und Blut wieder sehen sollten, über meinen Anblick zu
erschrocken sind."
Allmählich war der Krieg zu einem schwelenden Feuer geworden. Der
König hatte kaum noch 60 000 Feldtruppen unter den Waffen und war von
allen Seiten bedroht. Er verglich sich geistreich einem geschickten
Musiker, den man fragt, ob er auf einer Geige mit nur drei Saiten
spielen könne. "Er spielte so gut es ging. Dann zerriss man ihm eine
Saite, dann eine zweite. Er spielte, aber er spielte natürlich weniger
gut. Endlich zerriss man ihm auch die letzte Saite und verlangte, dass
er trotzdem seinem Instrument Töne entlocken sollte."
Da trat der Tod als Bundesgenosse des Königs auf . Seine bittere
Feindin Kaiserin Elisabeth von Russland starb, und ihr Nachfolger, Zar
Peter III., ein glühender Verehrer Friedrichs, beeilte sich nicht nur,
Frieden zu schließen, sondern bot dem Könige auch ein Bündnis an.
Allerdings dauerte das nicht lange, denn Zar Peter wurde nach kurzer
Zeit ermordet, und seine Gemahlin Katharina bestieg den Thron. Sie
erhielt das Bündnis zwar nicht aufrecht, aber beim Frieden blieb es,
weil sie mit ihrem großen Russenreich genug zu tun hatte.
Den letzten Sieg in dem Kriege gewann des Königs Bruder Prinz Heinrich
in der Schlacht von Freiberg (29. Oktober 1762). Der König war
hocherfreut über den Erfolg seines Bruders. "Die Ankunft Ihres
Briefes, mein lieber Bruder, hat mich zwanzig Jahre jünger gemacht.
Gestern war ich sechzig, heute kaum achtzehn; der Dienst, den Sie dem
Staate geleistet haben, ist so wichtig, das ich meine Dankbarkeit
nicht hinlänglich auszudrücken vermag und warten will, bis ich es in
Person tun kann." ?
Endlich dann nach sieben blutigen Jahren wurde am 15. Februar 1763 der
friede zu Hubertusburg geschlossen. Von vornherein hatte Friedrich der
Große den gegnerischen Unterhändlern erklärt: "Rechnet ja nicht
darauf, ein Dorf oder einen Groschen von mir zu bekommen."
So war das Ringen zu Ende, und König Friedrich, und König Friedrich
unbestrittener Sieger in diesem furchtbaren Zweikampf. "Es ist doch
ein gutes Ding um den Frieden, den wir abgeschlossen haben," sagte er
erleichtert zu seinem Gesandten Herzberg, "aber ? man muss sich das
nicht merken lassen." ?
König Friedrich hatte die Fünfzig überschritten, als er aus dem
Feldzuge kam. Wohl hätte er sich gern der Ruhe hingegeben, aber seiner
warteten zertretene, ausgeplünderte, durch Mordbrennerei und alle
Schrecken des Krieges verheerte Provinzen. Mit der Stunde des
Friedensschlusses fing eine neue, nie versiegende Arbeit an, und
dieser König hat zu keiner Stunde versagt: "Der Mensch muss arbeiten,
wie der Ochs pflügen muss!"
Auf hoher Stirn des Genius Zeichen ?
Die Lippe schmal, ? das Aug' ein Blitz, ?
Im Kampf mit vier gewalt'gen Reichen
Stand, ohne einen Schritt zu weichen,
Die Hand am Schwert, der alte Fritz.
Das war ein Krieg von sieben Jahren,
Fortuna ging von Hand zu Hand,
Und doch, als sie zu Ende waren,
Erzwangen seiner Feinde Scharen
Nicht ein Büchse märk'schen Sand
Man weiß in Friedrichs Geschichte nicht, wann man mehr bewundern soll.
Dreiundzwanzig Jahre währte die erste Periode seiner Regierung, von
1740 bis 1763. Sie war erfüllt mit dem ersten und zweiten schlesischen
Krieg, mit den Jahren von Sanssouci, mit dem siebenjährigen Ringen um
den Besitz Schlesiens und um mehr, um den Bestand der Monarchie. Diese
Periode war ein großes Auf und Ab, ein Wagen, Emporschnellen und
Wiederwagen, ein Schulen und Spannen der Kräfte des Staates, ein
Bessern dessen, was nicht gut schien, ein unendliches Mühen dieser
großen Seele, die Krone, welche die Geburt ihr aufs Haupt gedrückt
hatte, königlich zu tragen. Diesem Hochgeborenen war die Königschaft
mehr als eine Würde, sie war ihm eine Pflicht, eine unabweisliche,
strenge, mit jedem Tag von neuem an ihn herantretende Pflicht.
Aber diese erste Periode hatte ihre Höhen. Mochte der König noch so
gleichgültig vom Ruhm denken gelernt haben, dennoch wob sich der
Lorbeer um seine Schläfen und ein Europa bewunderte ihn. Die zweite
Periode, die zweiten 23 Jahre, hatte solche Höhen nicht mehr. Aus dem
König Friedrich, den die Welt "der Großen" nannte, war der "alte
Fritz" geworden, und seine Tage kannten nur die Pflicht, die nüchtern
jeden Tag vor ihn trat und nüchtern mit gefüllter Tasche ging. Es gab
keinen Wechsel der Dinge mehr, kein Auf und Ab; das Schwert, von
Lorbeer umsäumt, ruhte, die Flinten schwiegen, die Kanonen wurden nur
an Festtagen gelöst.
Und so begann mit dem Tage der Ankunft in Berlin diese zweite Hälfte
des großen Königslebens und lief dahin, ein Tag dem andern folgend,
ein Mond dem andern, ein Jahr dem andern, und sammelte im Schoß dieser
dreiundzwanzig Jahre ein so gerütteltes Maß von Arbeit, dass die
Bewunderung in tiefer Bewegung steht. Als einstigen träume eines von
künstlerischem Geiste und heiterer Lebenskunst getragenen Lebens sind
längst erloschen. Die dreimal heilige Arbeit ist das Los dieses
Königs, die heischende Pflicht seiner Tage Gefährtin. "An der Stelle,
wo ich stehe, muss man handeln, als sollte man niemals sterben." Dank?
Er will ihn nicht, und wenn sich Hände dankend heben, so gibt es für
ihn nur das eine Wort: "Dafür bin ich da."
Ohne eine Stunde zu verlieren, gleich am Tage seiner Ankunft in Berlin
begann König Friedrich mit der Wiederherstellung des Staates.
"Fürsten," sagte er, "müssen der Lanze des Achilleus gleichen, welche
die beigebrachten Wunden auch wieder heilt." ? Große Summen flossen
auf des Königs Geheiß an Städte und Landratsämter. Vor allen Dingen
handelte es sich darum, dem Volke Mut zu machen, die zerstörten Hütten
wieder aufzubauen, die zerstampften Felder wieder zu bestellen, und
dann mochte der eigene Fleiß des Einzelnen das Übrige tun. In
Schlesien, in Pommern, in der Neumark wurden an 15 000 Häuser und
Gehöfte neu gebaut. Stets war Friedrich willig zu geben. Im ganzen hat
der König seit dem Friedensschluss über 40 Millionen Taler aufgewandt,
um der allgemeinen Not zu steuern. Er pflegte zu sagen: "Ob ich nun
eine oder anderthalb Millionen mehr im Staatsschatz lasse oder nicht,
das ist gleichviel, und besser ist es, wenn ich noch in meinem Leben
Gutes damit stifte!"
Nicht nur um die blühende Provinz Schlesien hat König Friedrich seine
Staaten vermehrt. Er griff auch mit fester Hand dann zu, als von
Russland und Österreich die Aufteilungen des Königreichs Polen
beschlossen wurde. Zwar wurde dadurch einer Nation ihre
Selbständigkeit genommen, aber diese Nation hatte sich nicht
lebensfähig erwiesen, ihre Selbständigkeit zu erhalten. Die ganze
Aufteilung ging ohne Schwertstreich ab. "Wenn man seine getrennten
Staaten," schrieb Friedrich einmal, "zu einem Ganzen verbinden kann,
so möchte schwerlich ein Sterblicher zu finden sein, welcher das nicht
mit Vergnügen unternehmen sollte. Es ist dabei wohl zu bemerken, dass
alles noch dazu ohne Blutvergießen abgegangen ist. Ein wenig Tinte und
eine Feder haben alles abgetan und Europa wird nun von den schlimmsten
Unruhen befreit sein." ? König Friedrich hat nie das Empfinden gehabt,
dass den Polen ein Unrecht geschähe.
"Wegen dieser polnischen Angelegenheit," meinte Friedrich, "könnte ich
mich vor allen Richterstühlen der Welt verteidigen." ? In der Tat hat
der große König und mit ihm der preußische Staat im Laufe der Zeit
eine gewaltige Kulturarbeit an den polnischen Gebietsteilen, welche
dem Königreich Preußen als Westpreußen einverleibt wurden, vollbracht.
"Das sicherste Mittel," schrieb der König an den Oberpräsidenten der
Provinz, "diesen slawischen Leuten bessere Begriffe und Sitten
beizubringen, wird immer sein, solche mit der Zeit mit Deutschen zu
vermischen." ? Bald entschloss sich der König, ganze Dörfer mit
Deutschen zu besiedeln. Aus allen deutschen Landen rief er sie herbei,
und deutsche Gesittung, deutscher Fleiß, deutsche Wirtschaftlichkeit
sollten den Polen die Kultur bringen. "Was gemacht wird, ist nicht auf
kurze Zeit, sondern auf die Jahrhunderte gemacht." ?
Noch einmal reckte am Ausgange des vierten Jahrzehnts seiner Regierung
der große König das Schwert empor. Nach dem Tode des bayerischen
Kurfürsten erlosch der Mannesstamm der kurbayerischen Linie, und es
wurde nun ein Vertrag kund, nach welchem das Haus Habsburg sich zum
Erben der bayerischen Lande aufgeworfen hatte. Sobald der Kurfürst die
Augen zugemacht hatte, marschierten 10 000 Österreicher in die
abgetretenen bayerischen Gebiete ein (Mitte Januar 1778). Aber
Friedrich trat für den rechtmäßigen Erben der Wittelsbacher Lande ein.
Er war der Einzige im Reich, der für den Herzog Karl von Pfalz
Zweibrücken das Schwert zog. Anfang Juli 1778 überschritt Friedrich an
der Spitze der ersten Sektion seiner Avantgarde von neuem die
böhmische Grenze. Fast vierzig Jahre war es her, seit er sie als
junger König überschritten hatte.
Jetzt war es die Pflicht, die ihn zwang, und er säumte nicht, sie zu
tun, und selten in der Geschichte ist eine so ehrliche Politik zum
Schutze der deutschen Reichsfürsten getrieben, wie Friedrich sie hier
trieb. "Bis dahin," schrieb die sächsische Kurfürstin, eine Tochter
des Hauses Wittelsbach, "hatte Friedrich vornehmlich für die Seinen
gekämpft; jetzt kämpfte er für die anderen, er wurde der
uneigennützigste Schiedsrichter in den Händeln der Herrscher, das
Werkzeug der obersten Gerechtigkeit, welche die Nation richtete." ?
Das Stoßgebet in Bayern hieß damals, wie der Volkswitz meinte, nicht:
"Jesus, Maria und Josef," sondern " Jesus, Maria und Friedrich," und
es gab fast kein Haus in München, in welchem man nicht das in Kupfer
gestochene Porträt des Königs Friedrich von Preußen fand. Die
Drohgebärde Friedrichs genügte. Das Haus Habsburg war gezwungen,
Wasser in seinen Wein zu gießen, und der junge Kaiser Josef musste die
Lande, die er so schleunig besetzt hatte, wieder herausgeben.
In Friedrich tauchte damals der Gedanke auf, die deutschen Stämme und
Lande zu bereinigen und einen Fürstenbund zu gründen, um jeden Angriff
und jeder Vergewaltigung gegenüber Schulter an Schulter zu stehen. Ein
solcher Fürstenbund kam auch am 23. Juni 1785 zu Berlin zustande.
Preußen, Sachsen, Hannover und einige andere deutsche Reichsfürsten
vereinigten sich. Es waren, wenn man so will, die Anfänge eines
deutschen Bundes, eines deutschen Reichs, und Friedrich war nach
Goethes Worten "der Polarstern, um den sich Deutschland, Europa, ja
die Welt zu drehen schien." ?
So war König Friedrich, nimmermüde im Dienst seines Staates, ein
Siebziger geworden. Ein Tag ging ihm hin wie der andere. Er zwang die
Tage, ihm zu dienen. Er stand sehr früh auf, spätestens um 4 Uhr im
Sommer, im Winter eine Stunde später. Wurde er nicht rechtzeitig
geweckt, so zürnte er. Er zog sich gewöhnlich, auf den Bett sitzend,
die Strümpfe und die schwarzen Samtbeinkleider an, die er stets trug.
Dann folgten die Stiefel, die niemals neu waren, auch nie frisch
gewichst sein durften und daher oft rötlich aussahen. Vor dem Kamin
stehend, vollendete er seinen Anzug, und ließ sich das Haar pudern. Da
er indes für dies Geschäft wenig Zeit hatte, so wurde er stets nur
flüchtig gemacht. Nach beendeter Toilette brachte der Adjutant den
Rapport des Tages, und der König konferierte alsdann mit seinen
Generaladjutanten über Militär Angelegenheiten.
Dann trank Friedrich seinen Kaffee, zwei bis drei Tassen. Nach dem
Kaffee pflegte er auf der Flöte zu phantasieren, wobei er im Zimmer
auf und ab ging, und nach seiner eigenen Aussage sind ihm dabei die
glücklichsten Gedanken über wichtige Geschäfte gekommen. Um 9 Uhr
erledigte Friedrich die Berichte seiner Kabinettsräte und versah die
vielen Eingaben und Gesuche mit Bleistiftnotizen, den berühmten
Randbemerkungen, die immer den Nagel auf den Kopf trafen. Was auch vor
sein Auge kommen mochte, alles wurde von diesem König scharf und
wohlwollend überlegt. Um 10 Uhr erhielt der Kommandant die Parole, der
König erteilte einige Audienzen, las laut deklamierend aus
französischen Klassikern, stieg dann zu Pferde und ritt zur Parade
oder ritt spazieren. Die Mittagstafel, welche um 12 Uhr stattfand,
brachte Gäste und geistreiche Unterhaltung über Politik, Religion,
Geschichte, Kriegsangelegenheiten und was sonst an der Tagesordnung
war.
Der Umgang an der Tafel, wie auch sonst in des Königs Umgebung, war
ungezwungen; er ließ seine Gegenwart niemals lästig empfinden.
Allerdings verlangte er die gebührende Achtung inmitten der
ungebundensten Unterhaltung. Auch nach Tisch blies der König wieder
eine halbe Stunde Flöte, dann ging es an die Lesung und Unterschrift
der Briefe und Befehle. Friedrich las alles sehr gewissenhaft und
fügte oft eigenhändige Bemerkungen hinzu. Es war Grundsatz bei ihm,
alle Eingaben möglichst am selben Tage zu beantworten. Der Abend
brachte etwas Musik und Unterhaltung. Um 10 Uhr pflegte der König sein
Schlafzimmer aufzusuchen. Sechs Stunden Schlaf genügten ihm, in späten
Jahren allerdings wurden es sieben und acht Stunden.
Solche Tagesordnung wurde, wenn es Revuen und Reisen und
Besichtigungen, sei es in Berlin, sei es in den Provinzen, gab,
natürlich unterbrochen. Der König schenkte sich nichts, und mochten
ihm die Ärzte noch so abraten, die Reisen, die er geplant hatte,
unternahm er dennoch. "Meine Methode, mich einzurichten, bleibt immer
dieselbe. Je mehr man sich verwöhnt, desto schwächer und empfindlicher
wird der Körper. Mein Metier verlangt Arbeit und Tätigkeit. Mein
Körper und Geist müssen sich ihrer Pflicht anbequemen. Es ist nicht
nötig, dass ich lebe, aber wohl, das ich handle, dabei habe ich mich
immer sehr wohl befunden." ? Und als den Siebzigjährigen der Arzt
durchaus von einer Reise nach Westpreußen zurückhalten will, meint
Friedrich kopfschüttelnd: "Doktor, Er treibt sein Geschäft und ich das
meinige. Ich will bis zum letzten Moment meine Pflicht als König tun!"
?
Auf einer solchen Reise sah ihn als Kind der spätere General von
Marwitz. Er erzählte: "Wir warteten und eine Menge Volks mit uns. Die
Vorspannpferde standen geordnet, Bauernpferde, ganz kleine Katzen,
aber die besten ausgesucht, die Bauern, die reiten sollten, geputzt,
und zehn Stück Pferde zu des Königs Wagen, hinten vier, die der
Kutscher vom Bock fuhr, dann zweimal zwei, auf jedem Paar ein
Bauernknecht, und auf den vordersten zwei der Königs Vorreiter. Nun
kam der Feldjäger auf einem Bauernpferde mit der großen Hetzpeitsche,
ein Bauer als Begleiter mit ihm. Der Feldjäger, glühend von der Hitze,
stieg ab, sagte: der König werde in fünf Minuten hier sein, sah das
Relais nach und die Kerle mit den Wassereimern, die die Rädern
begießen sollten, stürzte ein ganzes Quart Bier hinunter und da
unterdessen sein Sattel auf ein anderes kleines Bauerpferdchen gelegt
war, hinauf und im Galopp weiter.
Bald kam der Page, ebenso beritten, ein Jüngling von siebzehn bis
achtzehn Jahren, ganz erschöpft, musste vom Pferde heruntergehoben und
nachher wieder auf das frische hinauf geholfen werden, weil er seiner
kaum mehr mächtig war ? und dicht hinter ihm kam der König. Er saß
allein in einer altmodischen Fensterkutsche. Der Wagen hielt, und der
König sagte zu seinem Kutscher Pfund: "Ist das Dolgelin?" "Ja, Ihro
Majestät!" "Hier will ich bleiben." "Nein," sprach Pfund, "die Sonne
ist noch nicht unter. Wir kommen noch recht gut nach Münchenberg, und
dann sind wir morgen früher in Potsdam." "Na! ? wenn es sein muss."
Und damit wurde umgespannt. Die Bauern, welchem von weitem ganz still
mit ehrerbietig gezogen Hüten standen, kamen sachte näher und schauten
den König begierig an. Eine alte Semmelfrau aus Libbenichen nahm mich
auf den Arm und hob mich gerade an dem Wagenfenster in die Höhe. Ich
war nun höchstens eine Elle weit vom König entfernt, und es war mir,
als ob ich den lieben Gott ansähe. Er sah ganz gerade vor sich hin,
durch das Vorderfenster. Er hatte einen ganz alten dreieckigen
Montierungshut auf, dessen hintere Krempe hatte er nach vorn gesetzt
und die Schnüre losgemacht, so das diese Krempe vorn herunterhing und
ihn vor der Sonne schützte. Die Hutkordons waren losgerissen und
tanzten auf dieser heruntergelassenen Krempe umher; die weiße
Generalsfeder im Hut war zerrissen und schmutzig; die einfache blaue
Montierung mit roten Aufschlägen, Kragen und goldenem Achselband alt
und bestaubt, die gelbe Weste voll Tabak; ? dazu hatte er schwarze
Samthosen an.
Ich dachte immer, er würde mich anreden. Ich fürchtete mich gar nicht,
hatte aber ein unbeschreibliches Gefühl von Ehrfurcht. Er tat es aber
nicht, sondern sah immer gerade aus. Die alte Frau konnte mich nicht
lange hochhalten und setzte mich wieder herunter. Da sah der König den
Prediger, winkte ihn heran und fragte, wessen das Kind sei. "Des Herrn
v. Marwitz in Friedersdorf." "Ist das der General?" "Nein der
Kammerherr." Der König schwieg, denn er konnte die Kammerherren nicht
leiden, die er wie Müßiggänger betrachtete. Die Umspannung war
geschehen, fort ging es. Die Bauern sprachen den ganzen Tag vom König,
wie er dies und jenes in Ordnung bringen und allen denen den Kopf
waschen würde, die ihnen unangenehm waren.?"
Im Dienst des Staates holte sich König Friedrich seine Todeskrankheit.
Der Gicht und der Schwäche nicht achtend, reiste der König im August
1785 zu den Truppenübungen nach Schlesien und saß während des
Haupttages der Revue (24. August) sechs Stunden lang, nur bekleidet
mit dem schlichten blauen Uniformrock, zu Pferde, während es wie aus
Eimern goß. Bis auf die Haut durchnässt, kehrte er in das Quartier
zurück. Wenige Wochen später erlitt er in Potsdam einen Stickfluss,
eine Art Schlaganfall, der sich nur langsam besserte. Und immer mehr
traten die Erscheinungen der Wassersucht während des Winters zutage.
Sobald der Frühling nahte, hielt Friedrich es im Potsdamer Stadtschloss
nicht mehr aus. Er ließ sich am 17. April nach einer langen
Spazierfahrt durch die Dörfer nach seinem lieben Sanssouci fahren. ?
Und doch ist es, als ob dieser König noch den letzten Atemzug zurate
halten will. Er durchwacht die Nächte in seinem Lehnstuhl, weil die
Luft nicht durch will, und dann, um 4 Uhr früh, empfängt er seine
Sekretäre. "Meine Herren, mein Zustand zwingt mich, Ihnen diese Mühe
zu machen, die für Sie nicht lange dauern wird. Mein Leben ist auf der
Neige, die Zeit, die ich noch habe, muss ich benutzen, sie gehört nicht
mir, sondern dem Staat." Noch einmal mochte der König zu Pferde
steigen. Am 4. Juli ließ er den Schimmel Condé vor sich bringen, sein
altes, liebes Tier, und saß im Sattel und ritt dreiviertel Stunden
durch den Garten von Sanssouci.?
In der Nacht zum 17. August 1786 hört der König die Glocke elf
schlagen: "Was ist die Glocke? Um vier Uhr will ich aufstehen." Sein
Auge fällt auf ein fröstelndes Windspiel, und er befiehlt, man möge
das Tier mit einem Kissen zudecken. Von seinem Kammerhusaren Strützky
gestützt ? der treue Mensch hatte sich auf das Knie niedergelassen und
harrte so drei Stunden aus ? atmet Friedrich unablässig schwer und
schwerer und sein Leben keucht dem Tode entgegen. Ein heftiger
Hustenanfall, der etwas Schleim löst. "La montagne est passée, nous
irons mieux." "Wir sind über den Berg, jetzt wird's besser gehen!" Der
Zeiger der Uhr zeigte zwanzig Minuten nach zwei in der Frühe des 17.
August. als die königliche Brust den letzten Atemzug tat.
Was Menschenkraft vermag, ? er hat es
In nimmermüden Tun gelehrt;
Ein Mann der Tat, der Pflicht, des Rates,
"Der erste Diener seines Staates",
O stolzes Wort von ew' gem Wert.
Wir aber nah'n uns Deinen Nauen,
Du Held, der einer Welt gewehrt;
Dein Preußen schritt auf Siegesbahne,
All Deutschland folgte seinen Fahnen:
Dein Erbe, Herr, ist unversehrt!
Quelle: König Friedrich der Große, Ein Gedenkbuch zu seinem
200jährigen Geburtstage 24-Januar-1912, Theodor Rehtwisch, Verlag
Georg Wigand, Leipzig, von rado jadu 2001
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