Nachtwandern - Durch die Dunkelheit zum zweiten Sehen

von Nelson Zink und Stephan Parks

Das ist ein einsamer Ort. Aber wie wir so dahingehen durch die Schwärze der Nacht, erkennen wir, daß es eine Geist-Welt ist. Die Dunkelheit ist gefüllt mit kleinen Lichtpunkten und Geistern. Wir können den Boden unter unseren Füßen nicht sehen, die Gesteinsbrocken, die Äste, die Löcher nicht - weil wir einen kleinen fluoreszierenden Punkt in 30 Zentimeter vor unseren Nasen anstarren. Obwohl wir die Hindernisse nicht bewußt sehen, nimmt unser Verstand sie wahr und gibt klare Anweisungen an unsere Füße, so daß wir in vollkommener Sicherheit durch das ruppige Gelände gleiten.

Es ist wie ein Gehen auf Vertrauen, mit all unseren Sinnen in größter Aufmerksamkeit. Unser Geist ist frei, die Nacht zu entdecken, die sich in unserem weiten Gesichtsfeld ausbreitet. Was wir tun, ist Nachtwandern. Nelson Zink ist Psychotherapeut und Autor des Buches "The Structure of Delight", erschienen bei Mind Matters Press. Stephen Parks ist Herausgeber des Kulturmagazins "Inside Art". Zusammen leiten sie das Embudo Center in New Mexico/USA, das unter dem Titel "Exploring the Dark: Vision and the Non-Conscious" Workshops zur Entwicklung des peripheren Sehens veranstaltet. The Embudo Center, P.O.Box 181, Embudo, NM 87531,USA.

Hintergründe: Alles begann ganz harmlos an einem schönen Nachmittag vor ein paar Jahren. Wir sprachen über Leute, die weiter, schärfer, oder klarer sehen als wir Normalsterbliche, über diese außergewöhnlichen Menschen, die Komplexität und Mehrdeutigkeit so leicht meistern und dabei zu erstaunlichen Erkenntnissen kommen. Wir sprachen über die Möglichkeit, daß diese Menschen vielleicht gar nicht intelligenter oder kreativer sind als der Durchschnitt, sondern die Welt ganz einfach anders sehen. Je mehr wir darüber nachdachten, desto klarer wurde uns, daß wir auf der Spur von etwas außerordentlichen waren. In der Physiologie des Sehens gibt es tatsächlich Strukturen, die eine Art des Sehens ermöglichen, die mit gewöhnlichem Sehen nicht mehr viel zu tun hat.

Wir erkannten, daß es eine nervlich-körperliche Grundlage für eine deutlich unterschiedliche Art von zweitem Sehen gibt und daß uns allen diese Sicht jederzeit offensteht. Gewöhnlich sind wir so absorbiert vom fokussierten, scharfen Sehen, daß wir uns der Kraft des peripheren Sehens gar nicht bewußt sind. Wäre es denkbar, daß diese periphere Sehen direkt verknüpft ist mit Vision, Einsicht und anderen Kräften der Wahrnehmung? Auf der Suche nach Quellen über zweites Sehen fanden wir zwar viele Menschen, die sich kaum bewußt waren, wie sie ihre teilweise herausragenden Leistungen erbrachten - aber die Berichte enthielten erstaunliche Ähnlichkeiten.

Wir fanden ein ganze Folge üvon Texten, von Taoisten des frühen China bis zu den Büchern von Carlos Castaneda, der von einer Art des allsichtigen Starrens sprach. Manchmal war es schwierig, festzustellen, ob die Autorinnen und Autoren ihre Aussagen wörtlich oder im übertragenen Sinn verstanden haben wollten. Am deutlichsten war der legendäre japanische Schwertkämpfer Miyamoto Musashi aus dem 15.Jahrhundert der eine klare Beschreibung der Kraft peripheren Sehens lieferte. Im Buch der fünf Ringe beschreibt Musashi zwei Arten des Sehens, Ken und Kan. Ken hält die Bewegung der Oberfläche fest, Kan sieht mit dem Geist. Der Unterschied entspricht etwa dem zwischen Stil und Substanz.

Musashi gibt auch Anleitung zur Entwicklung des Kan-Sehens: Man muß beide Seiten beobachten, ohne die Augen zu bewegen. Es ist zwecklos, dies in Eile zu lernen. Gib acht und verändere deinen Konzentrationspunkt unter keinen Umständen. Musashi verstand natürlich nichts von der Physiologie des Sehens, aber er war sich des Unterschieds zwischen dem Sehen mit den Zapfen- und demjenigen mit den Stäbchenzellen klar bewußt. Die Retina (Netzhaut) unterteilt sich in drei deutlich verschiedene Bereiche, die Fovea (gelber Fleck), die Macula und die periphere Region. Jeder Bereich hat eine ganz spezifische visuelle Funktion, die sich zu dem verbinden, was wir als Sehen bezeichnen.

Weil diese drei Funktionen gleichzeitig ablaufen und einander überlagern, werden sie nicht einzeln wahrgenommen. Die Fovea ist eine kleine, runde Vertiefung in der Mitte der Retina mit der unglaublichen Konzentration von 160.000 farb-sensitiven Zapfenzellen pro Quadratmillimeter, jede mit ihrem eigenen Nerv. Sie ermöglicht es uns, in einem relativ schmalen Bereich scharf zu sehen. Die Fovea wird von der ovalen Macula umgeben, die ebenfalls aus farb-sensitiven Zellen besteht. Marculares Sehen ist relativ klar, aber nicht so scharf wie das foveale Sehen, da die Zapfenzellen nicht so dicht sind.

Je mehr man sich von der Mitte der Retina entfernt, desto stärker verändert sich die Qualität des Sehens. Die Dichte farb-sensitiver Zapfenzellen nimmt ab und damit auch die Fähigkeit, Farben zu sehen. Scharfes Sehen in Verbindung mit dicht liegenden Zellen mit separaten Nervenverbindungen wechselt zugunsten der gröberen Sicht, bei der Hunderte von Sehzellen eines anderen Typs, den Stäbchenzellen, mit einer einzigen Nervenleitung verbunden sind. Die Verbindung zwischen einzelnen Stäbchenzellen sorgt für eine Verstärkung der Wahrnehmung von Bewegung und Licht, bei einer Verminderung der Fähigkeit Details zu erkennen. Wir begannen für unsere Zwecke, die Netzhaut in zwei Bereiche einzuteilen: Fovea und Macula einerseits mit ihrer hohen Dichte an Zapfen und der Peripherie andererseits, wo die Stäbchen dominieren. Oder abgekürzt: Zapfen- und Stäbchensehen für fokussiertes bzw. peripheres Sehen.

Man kann die beiden Sehregionen schnell verstehen, wenn man seine Fäuste vor sich ausstreckt, so daß sie einander berühren. Die Fäuste bedecken ungefähr ein Gebiet, das man normalerweise mit den Zapfen wahrnimmt, der Rest des Sehfeldes wird von den Stäbchen versorgt. Dabei wird offensichtlich, daß nur ein kleiner Prozentsatz unseres Sehfeldes fokussiert ist. Sich nur mit diesem Bereich zu befassen, resultiert in etwas, was man gewöhnlich mit "Tunnel-Vision" bezeichnet, im wörtlichen und im übertragenen Sinn. Uns ist klar, daß viele der besonderen Wahrnehmungen, nach denen wir suchten, von der Fähigkeit stammten, die Welt und uns selber von einem anderen Gesichtspunkt in einem breiteren uneingeschränkten Kontext aus zu sehen. Es erschien uns naheliegend, daß Einsicht, schnelles Lernen, Erfindung, Kreativität, Intuition und vielleicht sogar persönlicher Wandel eine direkte Verbindung haben mußten zur Fähigkeit des Gehirns, peripheres Sehen auszuwerten.

Experimente: Wir entschlossen uns, eine Technik zu entwickeln, die diese Art von Sehen stimulierte. Nach einigen Versuchen kamen wir auf eine einfache Ausrüstung, die uns geeignet erschien, den Zugang zum zweiten Sehen zu erleichtern. Mit einer Klammer montierten wir eine Rute an den Schirm einer Baseballmütze. An die Spitze der Rute leimten wir ein erbsengroßes Stück Harz als festen Punkt zum Fokussieren. Wir nahmen an, daß uns der Brennpunkt auf dem Kügelchen zu peripheren Sehen zwingen würde. Als Aktivität wählten wir wandern. Wir fuhren hinaus aufs Land, fanden ein Gebiet, wo wir nicht gestört würden, setzten unsere Mützen auf und zogen los. Zu Beginn waren wir desorientiert und in gewisser Hinsicht blind, als wir uns vorsichtig auf einem verwilderten Feldweg bewegten. Schon bald aber stellten wir fest, daß unsere Füße irgendwie wußten, was sie zu tun hatten. Wir stiegen über und um Hindernisse auf dem Boden herum, ohne sie bewußt wahrzunehmen. Es wurde offensichtlich, daß unser unbewußter Verstand den Boden vor uns problemlos wahrnehmen konnte. Viele Sinne erweitern sich.

Es wurde bewußt, das unser unbewußter Verstand den Boden vor uns problemlos wahrnehmen konnte. Innerhalb einer Stunde begann sich unser Gesichtsfeld zu klären. Während wir marschierten, stellten wir auch fest, daß sich Sinne wie Gehör, Gleichgewichtssinn und Tastsinn ebenfalls erweiterten und schärfer wurden, so als ob wir uns der peripheren Regionen dieser Sinne ebenfalls bewußt würden. Parallel dazu sank die Wahrnehmung des Gewichts nach unten in unsere Körper, in die Hüfte und hinab zu den Füßen. Nach etwa zwei Stunden des Wanderns nahmen wir ein tiefes Gefühl der Entspannung wahr. Unsere Hände erwärmten sich merklich, ein Hinweis darauf, daß die Stimulation des parasympathischen Nervensystems irgendwie mit dem zweiten Sehen verbunden sein muß. Immer, wenn wir wanderten, und das sind bis jetzt über hundert mal, erfuhren wir eine tiefe Ruhe. Es brauchte ein Weilchen, bis wir verstanden, was da vor sich ging.

Unsere Theorie geht so: Wandern mit zweitem Sehen verlangt, daß das Bewußte dem Unbewußten vertraut und dieses Vertrauen zwischen den Bewußtseinsebenen ist die Essenz der Entspannung. Auf unseren nächsten Ausflügen wählten wir ruppigeres Gelände. Wir fanden, daß wie Müdigkeit und Schmerz leicht mit Willenskräfte kontrollieren konnten, indem wir die Aufmerksamkeit auf den müden Körperteil richteten und das Unbehagen an den Rand des Bewußtseins führten - der gleiche Prozess wie das Herumschieben der Aufmerksamkeit im Gesichtsfeld ohne die Augen dabei zu bewegen. In unseren Quellen wurden wir immer wieder daran erinnert, daß peripheres Wahrnehmen dem fokussierten Sehen in der Dunkelheit weit überlegen ist. Nachtsicht stützt sich fast ausschließlich auf Stäbchenzellen, die durch ihren Bau und ihre nervlichen Verbindungen sehr lichtempfindlich sind. Stäbchen brauchen etwa 30 Minuten Dunkelheit oder schwach rotes Licht, um sich vollständig zu aktivieren, und dann, so wird gesagt, sind sie in der Lage, ein einzelnes Photon zu entdecken.

Dies entspricht etwa dem Lichtwert einer zehn Meilen entfernten Kerze. In der Dunkelheit sind die Zapfenzellen meist visuell nutzlos. Wir dachten, daß uns nachtwandern noch stärker zum peripheren Sehen zwingen würde. Es war Zeit, einen Gang höher zu schalten. Wir modifizierten die Ausrüstung, indem wir die Kügelchen mit lumineszierender Farbe anstrichen und die tägliche Einnahme von Vitamin A erhöhten. Vitamin A ist notwendig für die Bildung von Sehpurpur, der es dem Auge ermöglicht, sich von hellem Licht auf Dunkelheit umzustellen. Wir wählten ein Gebiet, in dem wir noch nie waren und begannen bei Sonnenuntergang. In der ersten Stunde unserer Wanderung stellten wir alle bekannten Veränderungen und Empfindungen fest. Dann geschah etwas Sonderbares.

Wir betraten die Nacht. Wir haben keine bessere Beschreibung dafür. Als es offensichtlich wurde, daß wir einwandfrei sehen konnten, wurde die Nacht lebendig. Kaninchen hüpften herum, Nachtfalken und Fledermäuse flogen prüfend vorüber. Unsere Schritte wurden leichter, unser Gehen näherte sich dem Fliegen. Jetzt hatten wir das zweite Sehen wirklich erfahren, fanden wir.

Andere Sinne erweiterten sich noch mehr als zuvor. Der Sinn für Gleichgewicht wurde viel sensibler. Später entwickelten wir eine Art langsames Gehen, dem Tai Chi nicht unähnlich, um dieses wunderbare Gleichgewicht noch mehr zu genießen. Wir fanden, daß wir auch in der Kälte ohne besondere Kleidung komfortabel gehen konnten. Vermutlich aufgrund unserer erhöhten Konzentrationsfähigkeit und der nächtlichen Luftqualität, verbesserten sich auch Gehör und Geruchssinn. Wir konnten sogar durch Bachbetten rennen und steile Abhänge hinaufklettern, und das in stockfinsterer Nacht und mit auf die lumineszierenden Kügelchen gerichteten Blicken. In der Ruhe des Nachtwanderns, so entdeckten wir, verschwindet auch die in unserer Kultur so verbreitete Furcht vor der Dunkelheit. Ängstlichkeit, Furcht und sogar physischer Schmerz scheinen mit fokussiertem Sehen verbunden zu sein, währenddem peripheres Sehen Entspannung und Vergnügen mit sich bringt, einen Zustand, den wir halbseriös mit Sense-Suround bezeichnet haben.

Ein Freund hörte von unseren Aktivitäten und brachte uns mit Alexandra David-Neel in Verbindung, die während ein paar Jahren den Tibet studierte. In ihrem Buch Magic and Mystery in Tibet beschreibt sie ihre Begegnung mit den Lung-gom-pas, tibetanischen spirituellen Wanderern mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, und ihre Untersuchungen über sie. Gemäß Alexandra "darf der Wanderer weder sprechen, noch zur Seite schauen. Er muß seine Augen auf ein einzelnes Objekt fixiert halten und darf seine Aufmerksamkeit auf nichts anderes lenken. Beim Erreichen des Trance- Zustandes ist das Bewußtsein zwar größtenteils unterdrückt, aber immer noch lebendig genug, daß der Wanderer Hindernisse in seinem Weg oder Ziel und Richtung nicht vergißt." Wir fühlten uns in bester Gesellschaft.

Nachtwandern wurde eine der regelmäßigsten, entspannendsten Erfahrungen, die wir je hatten. Die alten und modernen Berichte erwiesen sich als wahr - das zweite Sehen ermöglichte einen deutlichen Wandel der Wahrnehmung und eine Empfindung des Wohlbefindens. Wir lernten nicht nur, uns im Dunkeln fortzubewegen; es wurde auch klar, daß uns diese Fähigkeit direkter mit dem Unbewußten in Verbindung brachte. Anstatt als Quelle der Angst, erfuhren wir es als unglaublichen Beschützer, bestimmt zu unserer Sicherheit und unserem Glück. Mit der Zeit fragten wir uns, ob Nachtwandern auch für andere so aufregend und nützlich sei, wie für uns.

Wir planten ein Training mit vier Abschnitten zu je drei Stunden, mit verschiedenen Geländetypen und den entsprechenden Herausforderungen. Das erste Dutzend traf sich kurz nach Sonnenuntergang in einem trockenen Flußbett zwischen Santa Fe und Taos. Mützen und Ruten wurden verteilt, einfach Instruktionen gegeben. Richte den Blick auf die Spitze der Rute, geh langsam und beachte die Umgebung. Mit einer Mischung von Geheimnis und Aufregung zog die erste gruppe einzeln hinaus in die Dämmerung. Masashi gab Anleitungen zum Üben einer ganz bestimmten Stellung während des Praktizierens des zweiten Sehens. Wir probten zu Beginn damit herum, fanden aber, daß sich die richtige Stellung mit der Zeit von selbst ergab. Wir fragten und, ob die Leute diese Haltung automatisch annehmen würden, wenn sie das Nachtwandern beherrschten.

Es funktionierte wie vorgesehen. Wir konnten an der Haltung sogar ablesen, ob jemand das zweite Sehen erreichte oder nicht. Nach drei Stunden Praxis hatten fast alle ein volles Gesichtsfeld, konnten durch gemischtes Gelände gehen und erfuhren diese charakteristische Ruhe und Heiterkeit. Während der zweiten Sitzung wurde die Dunkelheit für die meisten angenehm; die meisten konnten ihre Aufmerksamkeit innerhalb des Gesichtsfeldes herumschieben ohne die Augen dabei zu bewegen. Ein Immobilienverkäufer mittleren Alters war erstaunt, wie klar mit dem peripheren Sehen die geometrischen Muster in der Natur wahrgenommen wurden. Eine junge Frau realisierte plötzlich, daß sie sich noch nie zuvor wirklich entspannt hatte. Nach der dritten Sitzung konnte jedermann über die Steine und Felsen eines Flußbettes rennen. Und nach der vierten Sitzung konnten die Gruppenmitglieder die Führung übernehmen und den Weg auch in der schwärzesten Nacht unbeirrt finden.

Nach zwölf Stunden konnten alle der Gruppe beliebig und willentlich auf zweites Sehen umschalten, wofür wir etwa ein Jahr brauchten. Nach dem Training befragten wir die Teilnehmer nach den dauerhaften Wirkungen. Die meisten berichteten von Veränderungen ihrer Wahrnehmung der Welt und ihres täglichen Lebens. Verschiedene beschrieben eine Fähigkeit, "Gedankenlärm" abzustellen.

Praktisch alle Nachtwanderer sagten, ihr Bewußtsein für die Welt um sie herum habe sich erweitert und sie seien weniger in ihren Köpfen festgefahren. Oder wie sich jemand aus einer späteren Gruppe ausdrückte: "Man nimmt einen ganzen Haufen von halbklaren Dingen und führt sie zusammen in eine einzige, klare Vision". Tips zum Nachtwandern Für Leute, die draußen leben, ist peripheres Sehen entscheidend für ihr Überleben. Vielleicht ist es an der Zeit, es wieder zu entdecken. Hier sind ein paar Tips. Mach dir eine Mütze und richte die Rute so ein, daß sich die Spitze auf Augenhöhe befindet. Fokussiere auf die Spitze, geh im Haus herum und dann im Garten. Vermeide Orte mit Verkehr oder Schwellen. Richte deine Aufmerksamkeit auf das ganze Gesichtsfeld, seitlich, oben und unten. Langsam wirst du ein ziemlich klares Gesichtsfeld wahrnehmen, in dem nur das Zentrum verwischt erscheint. Ein klarer werdendes Gesichtsfeld ist ein Hinweis darauf, daß du langsam zum zweiten Sehen wechselst.

Später kannst du Dinge im Gesichtsfeld näher untersuchen, indem du einfach deine Aufmerksamkeit - nicht die Augen! - dorthin richtest. Deine Augen sollten immer auf die Spitze der Rute gerichtet bleiben. Denn darum geht es ja, nämlich daß man nur das periphere Sehen und den Verstand einsetzt, um die visuelle Information zu sammeln und zu verarbeiten. Der erste Teil erfordert etwa drei Stunden, der zweite ebenfalls. Indem du den Blick auf der Spitze der Rute behältst, brichst du schließlich zwei starke Gewohnheiten.

Nur auf fokussiertes Sehen zu vertrauen und die Augen immer neuen interessanten Punkten zuzuwenden. Suche dir einen Ort ohne künstliches Licht, wo du in der Dunkelheit gehen kannst, am besten in einer mondlosen Nacht. Und nimm einen Freund mit. Weil die Rute so lichtempfindlich ist, kannst du ungewöhnliche Lichtphänomene sehen. Einiges davon ist Einbildung, verursacht durch die Überspannung ungenutzter optischer Nerven, der Rest stammt von natürlichen Quellen oder Biolumineszenz. Mit der Zeit sensibilisiert Nachtwandern Auge und Gehirn, so daß dich einiges, was du siehst, erstaunen wird. Wir wurden uns licht-abstrahlender Bakterien in faulendem Holz und entlang der Venen von Pflanzen bewußt. Glühwürmer blenden und der Aufgang eines Viertelmondes kann dir die Tränen in die Augen treiben. Wie freuen uns, von deinen Erfahrungen zu hören. Nelson Zinks und Stephen Parks.

Quelle: Der Zeit-Punkt 1/92, Bellach (CH).



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